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#südafrika#fotographie

You have to wait …

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You have to wait … | story.one

„Malta? Da wird´s Ihnen fad nach zwei Wochen“, meinte die Beraterin der Sprachschule. Ich hatte ein Jahr Bildungskarenz vor mir und wollte dem dunklen, kalten Winter in Wien entkommen. „Wie wär´s denn mit Kapstadt?“ Dass Cape Town in Afrika liegt, war mir im ersten Moment nicht bewusst. Aber es klang verheißungsvoll nach Sonne und Wärme. Ich zog keinen anderen Ort der Welt mehr in Erwägung, um meine Englischkenntnisse zu verbessern.

Dann, im September: Kapstadt empfing mich mit kühlen Temperaturen. Das hatte ich nicht erwartet. Der südafrikanische Winter dauerte noch einige Wochen, die erste Gastfamilie verließ ich noch vor dessen Ende. Vom Balkon der zweiten sah ich auf den Lion´s Head. Den bestieg ich mit meiner Gastmutter Mare zum Full Moon. Und lief tagtäglich in Flipflops durch die Straßen der Stadt, in die ich mich schon am ersten Tag verliebt hatte. Im Museumsshop der „National Gallery“ entdeckte ich Fotobillets von Lindeka Qampi. Sie zeigten das Leben im Township. Jedes Foto erzählte eine Geschichte: Eine Frau, die stolz vor ihrem pinkgestrichenen Haus steht, ihre Halskette in gleichem Dunkelgrün wie ihre Bluse. Ein Mann, der geübt aus einem 10-Liter-Plastikkübel Bier trinkt. Massige Sangomas, traditionelle Heilerinnen, deren imposante nackte Rücken den Blick auf die Initiationszeremonien im Inneren ihres Kreises verwehren.

Die Museumsshopinhaberin Lorin gab mir Lindekas Kontaktdaten. Ich wagte nicht, sie anzurufen. Auf mein E-Mail kam keine Antwort. Drei Tage vor meiner Abreise rief sie mich an, schlug ein Treffen im KFC vor. Mehr als zwei Stunden wartete ich im Geruch von billigem Fett auf sie.

Ihr suchender, mein wartender Blick trafen sich, wir erkannten einander sofort. Und Lindeka erzählte mir über ihr Leben. Dass ihr Name in ihrer Muttersprache isiXhosa „You have to wait“ bedeutet. Dass sie verheiratet sei, mit ihren vier Kindern aber getrennt von ihrem Mann lebe. Arbeit habe sie keine. Um „food on the table“ zu bringen, fotografiere sie und verkaufe die Bilder. Lindekas Lächeln, ihre Freundlichkeit, ihre Stärke beeindruckten mich tief. Es passiert mir öfters, dass mir fremde Menschen Intimes über sich erzählen. Doch meistens verschwinden sie wieder sehr rasch aus meinem Leben. Nicht so Lindeka.

Wir blieben in Kontakt. Ich reiste jedes Jahr aus dem Wiener Winter nach Südafrika, wo Sommer war. Ich lernte ihre Familie kennen, durfte Lindeka bei Fotoshootings begleiten und hatte so selbst die Möglichkeit, in Townships zu fotografieren. In Wien kuratierte ich Ausstellungen für sie.

Seit einigen Jahren zeigen Lindekas Fotos sie selbst. Stark und selbstbewusst. Sie erhielt einen renommierten Preis in Südafrika, hatte Ausstellungen in Italien, Deutschland, in Skandinavien, in den USA und leitete Workshops. „Durch künstlerischen Ausdruck Wunden heilen“, so Lindekas Mission. Sie inspiriert mich. Ich vermisse sie. Ob wir uns heuer wiedersehen? Im Juli hätte sie eine Ausstellung in Hamburg.

© MaschataDiop 2021-01-23

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