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#irrenanstalt#jugendsünden#rfreiheit

Die Irrenanstalt I

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Die Irrenanstalt I | story.one

Es war ein ordinärer, alter Mann namens Hermann Müller, der 1929 durch eine Wand verschwand, durch eine schneeweiße, watteweiche Wand eines Zimmers, was sich am Ende des linken Flures der zweiten Etage einer ebenfalls schneeweißen, watteweichen Irrenanstalt befand.

Hermann Müller war so ungemein alt geworden, dass ihm eines Morgens die Jahre aus der Nase flossen. Sie verhedderten sich in seinem langen, grauen Bart. Nur einige von ihnen fanden den Weg ins Freie. Nur seine stärksten jüngsten Jahre schafften es, sich zu befreien von der nassen und klebrigen Feuchtigkeit, die zwischen seinen Barthaaren herrschte.

Seine stärksten jüngsten Jahre, sie fielen tröpfchenweise auf den Boden und drängelten sich unter der Zimmertür-Lücke hindurch und — wie wildgewordene Katzen, Hunde und Pferde — miauten, jaulten und wieherten sie entlang des linken Flures der zweiten Etage der schneeweißen, watteweichen Irrenanstalt. Sie liefen zwanzig, dreißig, vierzig Treppenstufen runter bis in die Eingangshalle und überholten und entwichen dort trampelnden Menschenfüßen, morschen Holzschränken, morschen Holztischen und morschen Holzstühlen und niesten sich gegenseitig den Staub ins Gesicht, der über dem Teppichboden leicht und fröhlich hin und her wedelte. Sie passierten getränkt in Hysterie die mächtige, morsche Eingangstür und wagten somit ein weiteres Mal den Schritt ins Freie, ein neues Freie, ein viel helleres und frischeres Freie als das, was sie nach ihrem Fall durch Hermann Müllers Bart vorfanden.

Sie durchquerten den halben Park und erreichten die Fontäne, wo sie allesamt in geselliger Ruhe ihre Jugendsünden reinigten.

Genauso tat es auch Loulou Martin an den Morgen. Die Französin eilte Hermann Müllers stärksten jüngsten Jahren hinterher. Auch sie fiel tröpfchenweise auf den Boden und drängelte sich unter der Zimmertür-Lücke hindurch und — wie eine wildgewordene Katze, ein Hund und ein Pferd — miaute, jaulte und wieherte sie entlang des linken Flures der zweiten Etage der schneeweißen, watteweichen Irrenanstalt. Sie lief zwanzig, dreißig, vierzig Treppenstufen runter bis in die Eingangshalle und überholte und entwich dort trampelnden Menschenfüßen, morschen Holzschränken, morschen Holztischen und morschen Holzstühlen und nieste sich selbst den Staub ins Gesicht, der über dem Teppichboden leicht und fröhlich hin und her wedelte. Sie passierte getränkt in Hysterie die mächtige, morsche Eingangstür und wagte somit den Schritt ins Freie, in das einzige Freie, was sie kannte, was sie jemals zu spüren bekommen hatte.

Sie durchquerte den halben Park und währenddessen riss sie sich ihr schwarzes Witwenkleid vom Leibe, stolperte über ihre schwarzen Witwenschuhe und verlor ihren schwarzen Witwenschleier zwischen den Rosenbüschen. Entkleidet erreichte sie die Fontäne, wo sie zusammen mit Hermann Müllers stärksten jüngsten Jahre in nackter Ruhe ihre Alterssünden reinigte.

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-03

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