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#männer#sevilla#spanien

Die Putzfrau und die sechs Gemälde

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Die Putzfrau und die sechs Gemälde | story.one

Der Sevillaner Don Ildefonso de la Buenafuente y Cabrera lies einst seine sechs Söhne in sechs mit Ölfarben gemalten Gemälden verewigen. Seine sechs Söhne waren keine gewöhnlichen Männer, es waren sechs vom Himmel gefallene Engel, beflügelt mit zwei Flügeln, wie es von Engeln auch nicht anders zu erwarten war.

Die sechs de la Buenafuente Brüder — oder Engel — wurden von Don Ildefonsos Mutter — Doña Carolina Cabrera — in die Weingärtnerei eingeführt. Sobald sie auch nur ansatzweise auf ihren zarten Beinchen stehen konnten oder besser gesagt, mit ihren zarten Flügeln sich emporschwingen konnten, wurden sie von Doña Carolina Cabrera — ihrer Großmutter — liebevoll gezwungen, bei der Ernte der Weintrauben mitzuhelfen, die sie als Belohnung am Ende des Tages mit den Füßen stampfen durften.

Und genau diesen Geruch nach frisch gestampften Weintrauben hätten die sechs de la Buenafuente Brüder — oder Engel — am Tage, an dem die Gemälde gemalt wurden, an ihren Füßen kleben haben müssen, denn es sei gestattet zu sagen, dass der Flur, in dem die sechs Gemälde hingen, herrlich duftete nach Mann, Sonne, Wärme und vor allem nach Wein und Trauben.

Es wäre die Zeit gekommen, sie zu erwähnen — die Putzfrau. Sie lief diesen Flur Tag und Nacht immer und immer wieder auf und ab. Und immer und immer wieder entstaubte sie die sechs Gemälde, und den sechs darauf gemalten Männern — oder Engeln —, ihnen schaute sie in die Augen, streichelte über die Hände, küsste die Stirn, die Wangen, den Nacken … Sie, die Putzfrau, richtete jedem einzelnen der Männer den Hut und knöpfte das Hemd und die Jacke zu.

Deren Hosengürtel schnallte sie stramm, sehr stramm, damit keine andere Frau in Versuchung geriete, einem ihrer sechs Männer — oder Engel — zu nah an die Männlichkeit zu kommen. Sie polierte auch jedem von ihnen die Stiefel und brachte auf diese Weise etwas Glanz in ihr eigenes bescheidenes Vorhandensein.

Doch dieselben Männer, die die sinnlichsten Lüste in ihr aufweckten und brennen ließen, waren auch diejenigen, die sie ihr raubten: Die sechs de la Buenafuente Brüder — oder Engel — stürmten eines Morgens den besagten Flur und nahmen ihre jeweiligen Gemälde mit und nahmen somit der Putzfrau jegliche Hoffnung, wieder einem Mann in die Augen zu schauen, über die Hände zu streicheln oder die Stirn, die Wangen und den Nacken zu küssen.

Und es war dann der leer geräumte Flur, in dessen Mitte sie mit ihrer Bestürztheit allein gelassen wurde. Und es war ihr Schicksal — das Schicksal der Putzfrau Don Ildefonso de la Buenafuente y Cabreras Villa im warmen Sevilla Spaniens — was schwieg und nie wieder zu ihr sprach. Denn sie, die Putzfrau, sie kam im besagten Flur zur Welt und würde sie von diesem Flur aus auch wieder verlassen, ohne jemals einen Mann oder Engel gesehen, gestreichelt oder geküsst zu haben, der nicht ein mit Ölfarben gemaltes Gemälde sei: „Ob alle Männer — oder Engel — Sevillas so herrlich nach Wein und Trauben duften?“, fragte sich schlussendlich die Putzfrau.

© Melanie Flores Bernholz 2021-08-12

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