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#groĂźmutterliebe#buchstaben

Lilli Lilly

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Lilli Lilly | story.one

Ich, Lilli, weigerte mich, einen Punkt auf dem letzten Buchstaben meines Namens stehen zu haben, denn dort, wo ein Punkt stand, fand alles sein Ende — und alles beinhaltete auch mich. Ich wollte jedoch kein Ende. Ich wollte Ewigkeit. Ewigkeit sein, in ihr leben, aufleben und nochmals leben. Ungebunden und frei. Weit entfernt von der Vergänglichkeit und nahe der Unsterblichkeit. Das wollte ich. Wenn mich diese unbeschreibliche Sehnsucht nach diesem ungreifbaren Etwas — nach Ewigkeit — überkam, dann hinderte mich nicht mal die Helligkeit des Tages mit offenem Munde und offenen Augen zu träumen, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn es für mich kein Ende gäbe. Denn ich war zu schön, zu schön um zu sterben.

Das flüsterte mir Großmutter jeden Abend ins linke Öhrchen, nachdem sie uns beiden eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte. Und sie schwor jedes Mal aufs Neue, nicht zu lügen. Großmutter meinte es nämlich immer ernst. Lügereien fand sie schon als junges Mädchen verabscheuungswürdig und Ehrlichkeit war ihr allerhöchstes moralisches Prinzip. Einen gesunden Menschenverstand fand sie unerlässlich. Laut ihr war er die tugendhafteste Eigenschaft einer Frau, eines Mannes — eines jeden Menschen! —. Dass ich zu schön war, zu schön um zu sterben, wusste sie, weil sie ja selber eine Frau mit gesundem Menschenverstand war, die nur Wahrheit sprach.

Großmutter hatte etliche allerhöchste moralische Prinzipien, nach denen sie ihr Leben vorbildlich führte. Schwesterlichkeit war auch ein solches allerhöchstes moralisches Prinzip von ihr. Auf Großmutter war immer Verlass, sie ließ mich nie im Stich: Alles, was ich wollte, wollte auch sie! Wie der Punkt auf dem letzten Buchstaben meines Namens. Dem wollte sie genau so sehr entkommen wie ich, um niemals dem Ende zu verfallen, um Ewigkeit zu werden. Und das war auch der Grund, weshalb sie mich eines Tages Lilli Lilly nannte. Doch als Lilli Lilly wuchs ich in die Tiefe!

Das konnte Großmutter leider nicht verstehen, da sie bereits Ewigkeit war. Sie hatte ja keinen Punkt auf dem letzten Buchstaben ihres Namens. Großmutter hieß Anabel. Ihr Name zog sich bis ins Unendliche und nichts hinderte sie daran, in die Höhe zu wachsen. Ich beneidete sie so sehr! Doch Aldo, mein Onkel, den bemitleidete ich zu tiefst. Er wurde nämlich in einen unendlichen Teufelskreis hineingeboren, denn der letzte Buchstabe seines Namens hatte weder Anfang noch Ende. Da stellte sich mir ständig die Frage, ob er überhaupt irgendwann angefangen hatte zu leben und wenn ja, ob er überhaupt jemals damit aufhören würde, ob er überhaupt jemals sterben würde.

Denn in meiner kindlichen Unschuld konnte ich, Lilli Lilly, nicht wissen, dass der letzte Buchstabe unseres Namens nicht über unser Schicksal entscheidet, dass wir Menschen frei geboren sind, dass wir alle Ewigkeit sein können, wenn wir nur wollen, dass kein Punkt das Ende bedeuten muss. Nicht das Ende eines Lebens und ebenso wenig das Ende einer Geschichte.

© Melanie Flores Bernholz 2021-07-27

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