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#sommerferien

15.3 Wahlverwandtschaften?

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15.3 Wahlverwandtschaften? | story.one

Wer bin ich wirklich, dachte ich beim Besuch einer Operette von Suppe? Er stammte wie mein Vater aus der Nähe von Split, und unsere spätere Schulzeit setzten wir in Österreich fort. Die ebenso viel sprachlichen Mütter flüchteten nach dem Krieg aus Böhmen und übersiedelten später nach Wien und München. Ansonsten besaßen beide dann verstreuten Familien stets einen lebendigen K&K Hintergrund. Dependancen in Italien, das mich neben Österreich deutlich beeinflusste, erweiterten meine jugendlichen Erfahrungen. Das strenge Jesuiten Internat in Feldkirch trug zur musischen Erziehung bei, wenngleich der humanistische Charakter überwog. Auch Suppe glich einem Wanderer zwischen den sich wechselseitig befruchtenden Völkern des Kaiserreichs. Diverse Biografien, Namen und Jahreszahlen flankieren seine heute noch verschlungenen Wege. Wer war der talentierte Komponist, fragte ich mich im Angesicht meiner familiären Vergangenheit. Die einzig plausible Antwort lautet, ein Europäer im kulturellen und vor allem im Grenzenlosen humanistischen Sinn!

Nach den Kriegswirren trafen wir Milo Dor und seine liebe Gattin in Rovinj, weil man während der jugoslawischen Sezession Auseinandersetzungen kaum nach Dalmatien reisen konnte. Selten spürte ich so unvermittelt, was unsere gemeinsame Heimat und Wahlverwandtschaft bedeutet, und wie viele kaum in der Lage sind kulturell wertvolle Brücken zu bauen. Seine stoische Ruhe sowie die feinfühlige geistige Höhe begeisterte nicht nur mich. Meine Freundin konnte nicht umhin ihm Wort für Wort zu folgen und so lieb zu gewinnen. Es war, als säße ein slawisch-österreichischer Sokrates mit uns im mediterranen Gefilde. Als im Radio zufällig die Schöne Galathee von Suppe erklang, lachte Dor herzerfrischend. Er rief: „Noch ein Grenzgänger wie wir! Wenn Ihr wieder in Wien seit, dann kommt doch vorbei, und wir besuchen vielleicht eine Operette unseres kroatischen “Freundes” von Suppe“. Leider kam es nie dazu.

Auf einem späteren, eindrucksvollen Donau Ausflug als Lektor auf der Sea Cloud war es mir vergönnt einen weiteren echten Europäer zu sehen. In Budapest erschien Otto von Habsburg und begleitete uns ein Stück. Unterwegs hielt er anlässlich eines Empfangs eine Rede, die es in sich hatte. Die nach den vergangenen Kriegen gespaltenen Länder betrachtend meinte er hoffnungsfroh: „Was getrennt ist, wächst bald wieder zusammen"! Natürlich dachte er an unseren Kontinent und weniger an die vergangene Monarchie.

Nach der Rückreise von Wien stattete ich einer Freundin in Zagreb eine Visite ab und berichtete ihr von der denkwürdigen Fahrt. Sie erzählte Otto ebenso in Zagreb bei einer Rede im PEN Zentrum, das sie leitete, gehört zu haben. Vera begeisterte sich so wie ich für die Ideen seiner Majestät, zumal sie als Autorin in Heidelberg studiert hatte. Kurzfristig beschlossen wir in die Stadt von Franz von Suppe, nach Split zu fliegen, um dort die letzten Sommerferientage zu verbringen.

© Michael M. Stanic 2021-01-13

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