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Dann aufstehen, wenn es sonst keiner tut

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Dann aufstehen, wenn es sonst keiner tut | story.one

Die Pubertät ist kompliziert. Und seien wir uns ehrlich, jeder und jede, ganz gleich mit welcher sexuellen Orientierung, hat in diesem Alter die exakt gleiche Offenbarung erlebt. Es ändert sich was, auch wenn man nicht gleich versteht was. In meiner Kindheit kaufte man sich noch regelmäßig die Bravo (als es sie noch gab) - erstmal nur um mitreden zu können - die nackten Abbildungen des "Bodychecks" waren anfangs einfach nur da. Aber plötzlich schlägt man dann gezielt den Dr. Sommer Teil auf - und es wird interessant und spannend was da steht.

Es gibt keinen konkreten Moment an dem man plötzlich seine sexuelle Präferenz entdeckt - es ist ein Prozess. Und bei mir, so wie bei den meisten Menschen, passierte das mit etwa 12 oder 13. Komischerweise schien ich aber nicht an den gleichen Dingen interessiert zu sein wie die anderen Burschen.

In diesem Alter zu merken, dass man nicht dem breiten Spektrum entspricht, ist nichts Ungewöhnliches. Alle wollen dazugehören, alle wollen einem gewissen Bild der Einigkeit entsprechen. Es ist nicht leicht in der Pubertät Eigenschaften zu entwickeln die auffallen - keiner will aus der Gruppe hervorstechen. Manchmal sind es körperliche Dinge, manchmal sind es Dinge die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Die sexuelle Orientierung ist eines davon. Man will nicht die Person sein, die anders ist. Also vergräbt man es schnell im Unterbewusstsein und tut als ob. Es ist kein Gruppenzwang, sondern eine völlig natürliche Reaktion dazuzugehören - und mal ehrlich, das wollen wir doch alle.

Warum aber nehmen so viele junge Menschen diese Bürde und dieses Geheimnis auf sich - warum ist die sexuelle Orientierung ein so heikles Thema, dass junge Menschen in Panik versetzt wenn sie das Gefühl haben abzuweichen? Ein Blick in die Gesellschaft reicht. Wie wir im sozialen Beisammensein auf Homosexualität reagieren, kann direkten Einfluss auf Betroffene haben. Ein Schwulenwitz bei einer Geburtstagsfeier war es bei mir - Ich lachte mit, ich tat als wär es ein toller Witz. Innerlich aber sperrte ich die Wahrheit in eine mentale Kiste und warf den Schlüssel so weit wie möglich weg.

Ab diesem Moment begegnete ich jedem und jeder mit Vorsicht - meine junge und unreife Persönlichkeit reflektierte einzelne Kommentare auf alle. Die Lektion war: Sei vorsichtig und bleib unter dem Radar. Wäre es anders gelaufen - wäre jemand aufgestanden und hätte den dummen Witz verurteilt - hätte jemand am Tisch gesagt homosexuell zu sein ist nichts schlimmes - wäre jemand eingetreten für den 13-Jährigen verschwiegenen Jungen am Tisch ohne es zu wissen - dann wäre einiges vielleicht anders gelaufen. Wir brauchen nicht nur bunte Paraden, wir brauchen nicht nur Geschichten wie diese - vor allem brauchen wir Menschen die am Esstisch zu Hause, im Aufenthaltsraum in der Arbeit, in der Schulklasse, wo auch immer aufstehen und sich trauen etwas zu sagen, wenn andere es nicht für sich selbst können.

© Michael Schoberleitner 2020-09-17

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