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#neuesjahr#zeichen

Kabelbrand

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Kabelbrand | story.one

Die erste Story im Neuen Jahr. Ich gestehe die Entzugserscheinungen und das schlechte Gewissen. Schön, wieder hier zu sein. Fast alle Routinen verkamen zum Jahreswechsel. Bewusst. Mal zu ehren, was alles war, das war dran. Und es zu feiern. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Ausgelassene Freude stellte sich ein, nachdem Herzensziele erreicht wurden und solche ebenso, welche ich niemals für möglich gehalten hätte. Nur ein Gedanke, ich weiß.

Zum Beispiel Frieden am alten Schlachtfeld der Verletzungen. Demütig verbeuge ich mich vor dem Leben, welches immer recht hat. Ich scheinbar nicht. Und das ist eine entspannende, ja schier befreiende Erkenntnis, die ab nun durch meinen Körper strömt. Und, wenn diese pure Freude durch mich zieht und mich durchwegs leicht zittern und beben lässt, dann passieren in dieser kindlichen Aufregung manchmal eigenartige Dinge.

Im sicheren Abstand begegnete ich am Tag vor Weihnachten Bekannten auf der Straße und wir stoßen imaginär an. Ich nehme mir mit meiner ganz genau einen Meter langen Greifzange eine waschechte Stange von kandierter Frucht, die mit dunkler Schoko überzogen ist und falle beim Draufbeißen in ein Gefühl von Jahrmarkt und spontanem Miniorgasmus im Zentrum der Belohnung aufgrund des spontanen Zuckerschocks. Wir lachen, ich rede und kaue gleichzeitig und verschraube irgendwie meinen Kopf nach oben, rechts und hinten. Höllenschmerzen. Diese glorreiche Kombination an Bewegung hängt mein Kiefer aus. Die Signalübertragung der Nerven funktioniert blendend. Der Schmerz ist so stark, dass aus freudiger Mimik in Sekundenschnelle pure Angst ins Gesicht meiner Bekanntschaft sieht. Ein Teil von mir kann es nicht ganz fassen und versucht vergebens an dem anzuschließen, was gerade noch war. Doch die Bremse ist deutlich. Es braucht einige Minuten, bis sich der markerschütternde Stich in ein dumpfes Weh ergibt, welches mehr und mehr abnimmt.

Morgen kommt das Christkind. Es beschert mir bitte eine gelungene Biomechanik des komplexen Kugelgelenkes in Kopfnähe, damit ich den Festtagsbraten im Kreise der übrigen Ursprungsfamilie auch beißen kann. So nah am Gehirn verzogen zu sein fühlt sich hilflos an. Und es passt wunderbar zur Reise der dichten Körpererfahrungen rechts aufsteigend von 2020: Zehen, Sprunggelenk, Knie, Hüfte, Rücken, Unterbauch, Leber, Brustkorb, Schulter, Kiefer, … Kopfschmerz! Darüber gibt es rein physikalisch nichts mehr. Ich stelle mir gerade vor, wie ein dichter, schwarzer Rauchschwaden von verbrannten, geklärten Altlasten über den Kamin meines Kopfes entweicht und seine abgekohlten Partikel zerstäubend nun das Weite in der gnädig offenen Atmosphäre suchen.

Zu Silvester fliegt die Sicherung. Als leidenschaftlicher Koch übersehe ich ein Kabel des Stabmixers unter dem Suppentopf, welches sich gut verdeckt, in weißen Plastikbrei ergießend, in die heiße Herdplatte schmorte. Ein Knall. Ein Funke. Das persönliche Minimalfeuerwerk.

© Michael Stary 2021-01-12

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