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Auf den Straßen von Tschechien

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Auf den Straßen von Tschechien | story.one

Die Häuser sind verborgen zwischen Bäumen, als lebten hier alle im Wald. Denn wer verborgen war, der blieb von den Flugzeugen im Krieg verschont. Auf der einen Seite gut renoviert, auf der andern eine Ruine – so wohnt man hier.

Das Tram tuckert beschaulich zwischen grünen Bäumen dahin.

Hier kauft man dann und wann, Tickets für umgerechnet 2 Franken, direkt beim Tramchauffeur. Gerade steigt jemand ein und der Chauffeure sagt, dass er keine Billette mehr hätte. Der Mensch steigt wieder aus. Das Tram fährt weiter. Vielleicht bekommt er noch welche – beim Kiosk.

Die Menschen hier haben schlecht gefärbte Haare. Zahnlücken sind längst nichts Ausgefallenes. So ist es eben, in einem Land das nicht so reich ist, wie das unsere. Doch wer hier ins Ballett, Theater oder Kino geht, der zieht sich schön an. Niemals würde man in einer gewöhnlichen Jeans, Romeo und Julia sehen. Denn man ist respektvoll vor der Kunst und der Kultur.

Die Pflastersteine der Straßen, die Bauernhäuser ausserhalb – beides scheint, wie im Traum verharrend: Die Zeit hier ist wie vor 100 Jahren. Man hört das Getrappel der Pferdekutschen gerade noch so verklingen.

Diese Reise ging nicht weit in die Ferne. Gerade mal ein Nachtzug hat es gebraucht. Doch der Weg scheint mir viel weiter. Eine Reise in die Ferne – eine Reise zu mir zurück. Wer zwei Pässe in der Hand hält, der träg zwei Herzen in der Brust und auch wenn man das Land noch nie betreten hat, kehr etwas mit der Reise nach Hause zurück.

Ich liebe alles hier. Das Schöne – und das nicht schöne. Und es ist mir alles so vertraut. Die Stimmen. Die Gesichter. Die Sprache die ich nicht spreche.

Jeder kleine Ausflug unserer Reise ist ein Ausflug an einen Zauberort. Und jeder mystischer und schöner als der zuvor. Längst habe ich aufgegeben zu entscheiden, welcher nun der schönste Anblick war. Ist es die Ruine der Kathedrale unter deren eingestürzten Dach, ein Geiger Amelie spielte? Ist es der Fluss, über dessen nebelverhangenen Oberfläche unser kleines Schiffchen dümpelte? Ist es das kleine Schloss, an dessen Eingang man durch eine Schlucht weit hinab ins Thal sah, wie durch ein Nadelöhr? Oder ist es doch das wundersame Prag, mit seinem alten Pflasterstein und der Karlsbrücke?

Vielleicht war der Ort, der auf all das zugleich die Sicht erlaubt. Der Blick von einem grossen Hügel hinab, auf das große Ganze.

Wer in Tschechien auf einen Hügel steigt, der sieht zuweilen das ganze Land. Man sieht unendlich weit. Hin zu Polen, über Deutschland, bis der Blick sich durch die Ferne verliert.

Es ist der Blick in die Ferne – es ist der Blick zurück. Ein Schritt nach vorne – ist ein Schritt nach Hause.

© Michelle Reznicek 2021-03-07

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