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#feuer#community#ritual

Baye Fall

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Baye Fall | story.one

Ich lebte noch nicht lange in Granada, als man mir von etwas erzählte, das mich neugierig machte: Es solle in den Höhlen von San Miguel Alto eine senegalesische Gemeinschaft geben, die einmal pro Woche „Baye Fall“ feiere. Ein Ritual mit Musik, Tanz, Feuer unter Sternenhimmel im Freien.

Tatsächlich lockten die Senegalesen damit jedes Mal so einige „Zaungäste“ an. Auch ich war erst so ein Zaungast. Im oberen Zentrum des Hanges lag eine Höhle mit großem, runden Vorplatz. Dieser Platz mit gestampftem Lehmboden war Ort des „Baye Fall“. Auf einer kleinen Bühnen-artige Erhebung fanden sich Trommler mit ihren Djembes zusammen. Ein Feuer wurde entzündet, um in einer riesig großen Metallpfanne darauf zu kochen und Kaffee zuzubereiten. Immer mehr Menschen kamen, sich unterhaltend, lachend. Mit der Zeit ergab sich eine konstante Trommelgruppe und frei tanzende Menschen. Die gelöste, lockere Atmosphäre der guten Laune und Lebenskraft war ansteckend. So wurde ich vom Zaungast zur Teilnehmerin, gesellte mich zu den Tanzenden. Die Trommeln versetzten mich bald in eine Art Trance. Etwas änderte sich in meinem Becken, meiner Art zu tanzen. Ein neues Rhythmusgefühl, mehr Kraft und Beweglichkeit, mehr Spaß, endlos Energie. Die Trommler merkten diese Veränderung in mir und mussten lachen.

Als die Sterne am Himmel standen, hatte sich etwas an dem „Baye Fall“ geändert. Ein Kreistanz war etabliert worden, rund um einen Hut, der auf dem Boden lag. Die Menschen dort tanzten klatschend und singend in einer bestimmten, sich immer wieder ändernden Schrittfolge. Eine große Kraft ging von der Synergie dieses Kreises aus. Intuitiv spürte ich, dies war etwas Besonderes, es braucht besondere Achtsamkeit, um dazuzustoßen. Genau beobachtend wurde das Muster klar, ich reihte mich in den Kreis ein. Die nächsten zwei Stunden waren mit die schönsten meines Lebens. Wir wurden zu einem Körper, der sich im Rhythmus bewegte, Richtung und Schrittmuster wechselte, atmete und in einem Call-Respond-Prinzip sang. Alles geschah intuitiv und gleichzeitig. Es war ein befreiendes Gefühl der Verbundenheit, der Lebensfreude. Ich verstand nicht die Worte der Gesänge, die ich anstimmte.

Das Verstehen geschah auf einer anderen Ebene, auf körperlich-emotionaler. Nach dem letzten Kreistanz wurde gemeinsam gegessen und Kaffee getrunken. In den Hut warfen alle einen Beitrag. Noch nie hatte ich an einem so freien Ritual teilgenommen. Das Ritual war ein Fest. Das Fest verband die Menschen.

Nach dem Fest kam einer der Senegalesen zu mir. Er wolle, dass ich wisse, warum sie „Bey Fall“ feierten: Dieses Fest wurde gefeiert, um Allah zu ehren, denn Allah ist groß und in allem. Wir sahen uns in die Augen bei meiner Antwort: „Wir haben gemeinsam gefeiert, weil das Leben groß ist und wir alle Eins sind.“ Er lächelte mich nickend an: Ja, du hast verstanden – du bist ein guter Mensch. Wir meinten im Kern dasselbe, die Worte spielten keine Rolle. Es ging um das Gefühl dahinter.

© Miriam Strasser 2021-07-15

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