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#reinigung#verbundenheit#barcelona

Das Badehaus

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Das Badehaus | story.one

In der La Experimental gab es kein Warmwasser. Im Sommer war die Gartendusche sehr beliebt. Im Winter das Badehaus. Das war ein kleines, gefliestes HĂ€uschen mit einer Abflussrinne und einem großen Kamin mit offener Feuerstelle. Es stand im Garten, am Waldrand. SpĂ€ter gab es auch eine Outdoor-Badewanne, unter der man Feuer machen konnte. Ich mochte das Badehaus lieber.

Sich zu waschen wurde zu einem gemeinschaftlichen Ritual mit gehörigem Aufwand. Ideal wurde es mit fĂŒnf Personen durchgefĂŒhrt, damit sich der Aufwand lohnte. Wollte ich mich also Duschen, galt es erst einmal andere zur Waschung einzuladen. Hatten sich genug Menschen zusammengefunden, gingen einige davon in den Wald um Holz zu holen. Die anderen schleppten Wasser von der La Experimental in das Badehaus.

Es war ganz schön zeitaufwendig, mit den Eimern treppab und ĂŒber das riesige GrundstĂŒck zu wandern. Im Kamin wurde ein großes Feuer entfacht und der gusseiserne „Hexenkessel“, wie wir ihn nannten, darĂŒber gestellt. Woher dieses enorm große GefĂ€ĂŸ kam, war mir ein RĂ€tsel. Es sah tatsĂ€chlich aus, wie aus einer anderen MĂ€rchenzeit 
 im Badehaus erfĂŒllte es einen guten Zweck. Dort gab es zwei große Bottiche, einen fĂŒr kaltes und einen fĂŒr warmes Wasser.

Im Hexenkessel wurde Wasser heiß gemacht und kam in den einen Bottich. Der musste dafĂŒr zum Kessel getragen werden, und dieser mit zwei Stangen gekippt, um den Bottich zu fĂŒllen. Zwei Personen brauchte es, den Bottich zu bewegen, wie auch den Kessel zu kippen. Es war wirklich unmöglich, sich alleine zu waschen.

Beide Bottiche wurden in den gefliesten Teil des HĂ€uschens gestellt. Wir entkleideten uns und legten unser Gewand auf die Bank beim Kamin. In SchöpfgefĂ€ĂŸen mischten wir heißes und kaltes Wasser aus den Bottichen, um uns gegenseitig damit zu ĂŒbergießen. Die Waschungen hatten eine ganz eigene AtmosphĂ€re mit ihrem warmen, gedĂ€mpften Licht. In dem Badehaus gab es keinen Strom, die einzige Lichtquelle war der knisternd brennende Kamin. Es roch angenehm nach Holz, Kohle, Rauch und Wasser.

Meistens wuschen wir uns schweigend. Die Stimmung war zu magisch, sie mit Worten zu stören. Alle Sinne wurden bei der Reinigung angeregt, es war eine besondere Haptik, sich gegenseitig zur Körperpflege zu berĂŒhren, gemeinsam in einem Raum mit Wasser und offenem Feuer nackt zu sein. Es hatte etwas VerbĂŒndendes, als wĂ€ren wir ein Hexenzirkel bei einem besonderen Ritual.

Oft saßen wir noch in HandtĂŒcher gewickelt auf der Kaminbank, beobachteten die Flammen, bzw. die Glut und unterhielten uns ein wenig. Der Geruch nach Rauch ging untrennbar einher mit dem SauberkeitsgefĂŒhl. Eine Waschung dauerte insgesamt gute vier Stunden. Durch den Aufwand, der dafĂŒr betrieben werden musste, wurde sie zu etwas sehr Besonderem. Sich zu duschen war nichts BeilĂ€ufiges. Nichts was man schnell zwischendurch machen konnte. Es wurde zu etwas, das Zeit braucht, Planung und Kooperation. Dadurch wurde der Genuss der Erfahrung noch wertvoller.

© Miriam Strasser 2021-07-15

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