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#ungerechtigkeit#rache#geburtsgeschichte

Das Recht auf Winterschlaf

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Das Recht auf Winterschlaf | story.one

Ich hatte schon immer eine schwierige Beziehung zu meiner Mutter. Unser erster Konflikt war meine Geburt. Sie wollte mich gebären, ich wollte noch nicht. Mein Plan war, ein Frühlingskind zu werden, das in eine erblühende Umwelt geboren wird. Man sollte meinen, das sei ein verständlicher Wunsch. Wer wird schon gerne bei minus 25 Grad Celsius in einen dunklen Winter mit einer 2 Meter hohen Schneeschicht auf den Straßen geboren? Meine Mutter machte mir jedoch einen Strich durch die Rechnung, sie meinte irgendwann im tiefsten Jänner des Jahres 1987 sei der richtige Zeitpunkt für meine Geburt: Die Wehen setzten ein.

Wir kämpften 48 Stunden lang um mein Recht auf Winterschlaf. Am Ende hatte sie gewonnen. Ich kam vor Wut tobend um mich schlagend auf die Welt. Was für eine Ungerechtigkeit! Wie unverschämt, mich so unsanft in diese dunkle, kalte Welt zu holen! Die Hebamme empfing mich mit den Worten: „Mit der wirst du noch eine Menge zu tun haben…“, diese Prophezeiung wollte ich gerne erfüllen.

Meine Mutter nahm mich in den Arm und legte mich auf ihre Brust, wo meine kleinen Fäuste sich wütend austobten. Ich wollte ihr meine Meinung sagen, meiner Empörung Luft verschaffen, mich rächen. Doch, ich muss gestehen, der Nippel, den sie mir anbot, war unglaublich verführerisch… Ein beruhigender Duft ging davon aus, der mir zu zuflüstern schien: „Es ist alles gut, nimm mich einfach in den Mund und entspann dich…“ Ich wollte dem Duft widerstehen, meinen Prinzipien treu bleiben und mich über diese gewalttätige Störung meines Schlafes empören, um sicherzustellen, dass dies nie wieder vorkommen sollte! Das war mein erster innerer Konflikt.

Ich muss gestehen, der Nippel hatte bald gewonnen. Er war unwiderstehlich betörend gewesen. Bald schlummerte ich friedlich, an der Brust meiner Mutter saugend. Doch beim Einschlafen schwor ich mir selbst, hoch und heilig, Rache zu üben. Ich würde es ihr heimzahlen. Von nun an sollte sie für viele Monate lang zu spüren bekommen, wie es ist, unsanft und fordernd aus dem Schlaf gerissen zu werden: Ich würde ihr den Schlaf rauben und sie würde noch bereuen, mich nicht erst im Frühling geboren zu haben! Wo steht geschrieben, dass man nach neun Monaten auf die Welt kommen muss? Warum wollte man mir meinen Winterschlaf nicht erlauben? Um meinen Standpunkt deutlich zu machen, entwarf ich einen Racheplan: wurde ich getragen oder zumindest gewiegt, gab ich ruhe und schlief. Doch wehe, ich wurde abgelegt! Dann schlug ich Radau. Tagsüber gab ich, zu unregelmäßigen Zeiten, manchmal eine Weile Frieden. Schließlich konnte ich nicht meine ganze Energie an den Streit verschwenden. Erholungsphasen waren wichtig, um konsequent Schlaf rauben zu können.

Als Reaktion darauf wurde ich bereits recht früh in meinem Leben an den Wochenenden der Grete Oma gegeben, was frustrierend war, da es die Erziehung meiner Mutter störte. Bei Oma schlief ich brav durch, sie hatte mich ja nicht geboren, mit ihr brauchte ich daher nicht zu streiten…

© Miriam Strasser 2022-03-03

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