skip to main content

#geschwister#kindheitserinnerungen#frauenstimme

II Geschwister II

  • 73
II Geschwister II | story.one

Die Geburt meines Bruders war ein Schock für mich gewesen. Dabei hatte ich mich eigentlich darauf gefreut. Meine Familie hatte mich über ein halbes Jahr lang darauf vorbereitet, indem sie mit mir darüber sprachen, dass ich ein Geschwisterchen bekommen würde. Das hatte theoretisch großartig geklungen. Ich würde etwas bekommen, was mir gehören würde. So hatte ich das verstanden. Wie ein Spielzeug bekommen. Eigentlich wollte ich ja schon längst einen Hund haben, aber dafür sei ich noch zu klein, wurde mir gesagt. Nun würde ich also stattdessen einen eigenen Menschen bekommen, was mir nicht schlecht erschien. Ein Hund wäre mir zwar lieber gewesen, aber ein eigener Mensch schien mir auch ganz gut. Mit Kindern konnte man wenigstens vernünftig reden und spielen. Ich malte mir aus, wie es wohl sein würde, mit meinem eigenen Menschen zu spielen und was wir alles machen könnten.

In keiner Weise hatte ich erwartet, was dann geschah. Am Tag der Geburt waren mein Onkel, die Grete-Oma und der Tscheppeto Opa zu uns gekommen. Mein Bruder war, wie ich, eine Hausgeburt gewesen. Meine Mutter war mit der Hebamme und meinem Vater im Schlafzimmer und die anderen warteten nervös mit mir im Wohnzimmer. Die Stimmung war eigenartig, ich war nicht wirklich der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wie sonst. Alle schienen innerlich abwesend zu sein. Als es dann hieß, „er ist da“, stürmten sie ins Schlafzimmer und die Grete-Oma hatte mich dabei um-gerannt, ohne es zu bemerken. So etwas Furchtbares war bisher in den drei Jahren meines Lebens noch nie geschehen. Mein Protest blieb ungehört. Als letzte kam ich, verstört, ins Schlafzimmer, um die nächste Enttäuschung zu erleben: der Mensch, der mir versprochen worden war, sah gar nicht aus wie ein richtiger Mensch. Er war winzig, hässlich und blutverschmiert. Was sollte ich damit anfangen? Zu allem Überfluss zog dieses eklige Ding auch noch jede Aufmerksamkeit auf sich… Ich wurde einfach ignoriert! Was für eine herbe Enttäuschung. Auch wenn ich schrecklich eifersüchtig bei seiner Geburt gewesen war, denn es war der erste Tag meines Lebens gewesen, an dem ich plötzlich für einige Stunden Luft war und alle Aufmerksamkeit ihm gehört hatte, mochte ich meinen Bruder später gerne. Was nicht bedeutet, dass ich immer nett zu ihm war. Ganz im Gegenteil. Er hatte mich meiner Vormachtstellung beraubt und ich zeigte ihm regelmäßig, dass er die Nummer zwei war und sich bloß nicht zu wichtig nehmen solle. Es gab in meinen Augen eine klare Rangordnung. Das teilte ich so auch meiner Mutter ein paar Tage nach seiner Geburt mit.

Ich hatte nach dem Schockerlebnis drei Tage lang schrecklich geweint und war nicht bereit gewesen, mich von meinen betroffenen Eltern trösten zu lassen. Sie durften mir nicht zu nahe kommen, in meinem Elend. Am vierten Tag ging ich zu meiner Mutter und erlaubte ihr wieder, mich zu umarmen. Dabei flüsterte ich ihr ins Ohr: „Aber eines sag ich dir, du brauchst nicht zu glauben, dass ich nicht mehr wichtig bin!“.

© Miriam Strasser 2022-02-11

GeschwisterKindheitserinnerung

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.