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#mutterschaft#kindheitserinnerungen#familienstreit

II Mutter II

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II Mutter II | story.one

Der Geruch meiner Kindheit war Alkohol. Genauer gesagt eine Mischung aus Bier, Wein, etwas Wodka und einer starken Tabaknote. An diesem Geruch erkannte ich meine Mutter. Die Grete Oma erkannte ich an dem Geruch nach frischer WĂ€sche und geföhntem Haar. Bei ihr roch es immer nach Putzmitteln. Zu Hause roch es anders. Wenn ich als Erwachsene in eine Bar ging, fĂŒhlte ich mich daher immer gleich, wie zu Hause. Vor meiner Geburt war meine Mutter Kellnerin gewesen und hatte ein Nachtleben gefĂŒhrt. Der Alkohol war ihre Arbeit gewesen, auch in ihrem Privatleben prĂ€sent. Mit etwa drei Jahren hatte ich meinen ersten Vollrausch. Mein Onkel war zu Besuch gekommen und lĂ€utete an der TĂŒr. Meine Mutter stellte ihm ein Seidel Bier auf den KĂŒchentisch und ging, die TĂŒre zu öffnen. Als die beiden zurĂŒckkamen, hatte ich Schluckauf und das Bier war leer. In dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal wirklich lange und fest durch. Am nĂ€chsten Tag hatte ich ĂŒble Kopfschmerzen und erklĂ€rte torkelnd, ich fĂŒhle mich ganz „verwummert“, worĂŒber alle lachten. Das Wort wurde in den Familienwortschatz aufgenommen und gerne angewandt. Meine Mutter war ziemlich oft „verwummert“. Mit drei Jahren ging ich einmal zu ihr, weil ich fĂŒhlte, dass sie traurig war. Sie saß im Wohnzimmer am Boden, hörte Musik mit Kopfhörern und war dabei, „sich zu verwummern“. Die Kopfhörer abnehmend sagte sie mir, dass sie traurig wĂ€re, weil ihre Eltern sie oft grausam geschlagen hatten, als sie ein Kind gewesen war. Mit meinen 3 Jahren begriff ich sofort, dass sie von meinen Großeltern sprach. Ich war schockiert, das war ungerecht, niemand durfte geschlagen werden! MitfĂŒhlend versprach ich, mit den Großeltern zu sprechen. Als sie das nĂ€chste Mal zu Besuch kamen, erfĂŒllte ich dieses Versprechen. Ich baute mich vor ihnen auf und verlangte eine Entschuldigung bei meiner Mutter, dass sie sie als Kind geschlagen hatten stelle ein Verbrechen dar. Diese ErklĂ€rung löste Fassungslosigkeit bei den Großeltern aus. Es begann ein großer Streit zwischen meiner Mutter und ihren Eltern. Zutiefst erschreckt begann ich zu weinen und versteckte mich unter dem Klavier. Was war passiert? Ich hatte die Wahrheit gesagt und wollte damit Versöhnung einfordern. Diese Reaktion hatte ich nicht erwartet. Wieso waren die Erwachsenen böse geworden? Es dauerte eine gefĂŒhlte Ewigkeit, bis meine Mutter mich unter dem Klavier fand. Sie war noch immer aufgelöst. Die Großeltern waren im Streit gegangen. Ich hatte Angst, sie wĂŒrden nie wieder kommen, doch meine Mutter beruhigte mich mit der Versicherung, es sei nur „ein Streit“ gewesen. „Ein Streit“ war offensichtlich eine scheußliche Angelegenheit. Anscheinend war es dazu gekommen, weil ich die erste war, die etwas ausgesprochen hatte. Ich fand die Erwachsenen komisch, sie taten schlimme Dinge und sprachen nicht darĂŒber, um dann zu streiten. Es schien mir eine doppelte Moral zu geben. Mir kamen Zweifel, an ihrer ZurechnungsfĂ€higkeit.

© Miriam Strasser 2022-01-29

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