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#fremdbestimmung#meinefreiheit#frauenstimme

III Grete Oma III

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III Grete Oma III | story.one

Wenn ich heute als feministische Erwachsene an die Grete Oma zurückdenke, sehe ich einen zierlichen Vogel in einem gar nicht goldenen Käfig. Die Oma war ein Vogel gewesen, der gerne geflogen wäre, aber nie versucht hatte, den Käfig zu öffnen.

Je älter ich wurde, desto weniger konnte ich das verstehen. Sie hatte ein fremdbestimmtes Leben geführt, wie es sich für ordentliche Menschen gehört hatte. Ihr Humor hatte es erträglicher gemacht. Aber sie hat in Wahrheit darunter gelitten und irgendwann lagen die Nerven dieser sensiblen Frau blank. Aus der lebensfrohen Frau wurde eine gereizte, genervte, die, erstickt durch das Korsett der gesellschaftlichen Vorgaben, irgendwann krank wurde. Sie hatte ihr Leben lang treu in einer Ehe gelebt, die geschlossen werden musste. Weil zwei junge Menschen, im Rausch ihrer Hormone, ein Kind gezeugt hatten. In dieser Ehe war ihr Mann gesetzlich dazu berechtigt, ihre Kündigung zu fordern, wegen ihrer „Hausfraulichen Pflichten“.

Ich denke, der Opa hätte dieses Recht gerne eingefordert. Es kränkte seinen Stolz, dass die Grete Oma arbeitete, damit genug Geld zum Leben da war. Sie verdiente, in seinen Augen, mit ihrer Vollzeitarbeit als Schneiderin „nur dazu“. Der „Ernährer“ war immer noch der Opa. Ihren „Hausfraulichen Pflichten“ kam die Grete Oma außerdem vorbildlich nach. Und sie kümmerte sich auch noch um 2 Kinder, später 4 Enkelkinder. Aber Kanarienvögel durfte sie nie haben. Auch kein anderes Haustier. Das erlaubte der Opa nicht. Ihre wöchentlichen Frisör-besuche waren ihre Auszeit vom Opa, hat sie gesagt.

Mein Leben sollte anders aussehen, ich wollte fliegen. In dieser Familie war ich die erste Frau, die zur Universität ging. Ab da war ich dem Opa suspekt. Er verstand nicht, warum ich „immer noch zur Schule gehe“, warum ich mit über zwanzig nicht verheiratet war... Die Oma hatte es auch nicht so richtig verstanden, aber sie war stolz darauf und verteidigte mich vehement vor dem Opa.

Die Grete Oma hatte die Volksschule besucht, danach recht bald angefangen zu arbeiten, um zu helfen die große Familie zu ernähren. Sie hatte ihr Leben lang gearbeitet, als Schneiderin, war jung Mutter geworden, hatte weitergearbeitet. Auch nach dem zweiten Kind. Sie hatte einen „perfekten Haushalt“ geführt, dabei immer adrett ausgesehen. Aber sie durfte keinen Kanarienvogel haben. Und sie hat sich darin gefügt. Eine Scheidung kam für sie nie infrage. Das gehörte sich nicht. Ich habe nie verstanden, wie sich eine so feine, talentierte, intelligente Frau in solche Enge hatte fügen können.

Aber alles so zu tun, wie es sich gehört, alle Erwartungen zu erfüllen und immer beschäftigt zu sein lenkt ab. Es bleibt keine Zeit, zu Fragen: Wer bin ich eigentlich? Was will ich eigentlich? Wie geht es mir eigentlich? Wer weint schon gerne, wenn man auch Lachen kann? Der Humor hatte der Grete Oma das Leben leichter gemacht. Und als sie nicht mehr lachen konnte, da war die Angst vor dem Alleinsein bereits zu groß und sie krank.

© Miriam Strasser 2022-01-26

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