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#selbstĂŒberwindung#kindlichesangsttrauma#zutrauen

La Carampa

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La Carampa | story.one

Bei der Flugtrapez-Crew des Festivals war ich mittlerweile bekannt, sie hatten mich ins Herz geschlossen. Alle freuten sich und bejubelten meinen Mut, als ich schließlich am letzten Festivaltag in der letzten Workshop-stunde auftauchte, um zu fliegen, wie man beim Flugtrapez sagt.

Einige Freunde und Bekannte waren gerade da und setzten sich an den Rand, um zuzusehen. Ich hatte furchtbare Angst. Meine Beine zitterten schon, als ich noch am Boden stand und mir der Gurt fĂŒr die Sicherheitsleine angelegt wurde. Beim Klettern auf der schmalen Leiter zur Plattform hinauf hielt ich alle paar Meter inne und rief hinab: „Ich kann das nicht, ich werde es nicht tun!“, woraufhin alle lachten und riefen: „Doch, du kannst das! Mach weiter!“.

Mein Aufstieg zur schmalen Plattform in luftiger Höhe war ein Spektakel fĂŒr sich. Oben angekommen packte mich das blanke Grauen, als ich zu dem Trapez greifen musste und ĂŒber den Abgrund zum Netz gebeugt war. Mit einer Hand hielt ich mich noch am Haltegriff des GelĂ€nders fest. Es schien mir unmöglich, loszulassen. Das Crew-Mitglied, das mich noch sichernd festhielt, weigerte sich jedoch, mich zurĂŒck auf die Plattform zu ziehen und befahl mir, loszulassen und zu fliegen, wenn er bis drei gezĂ€hlt hatte. TatsĂ€chlich kam es so, bei „drei“ ließ ich los, um das Trapez mit beiden HĂ€nden zu fassen und flog mit dem unglaublichen Zug, den es ausĂŒbte, durch die Luft. In meinem Kopf kreischte es und ich sah nur noch weiß vor den Augen.

Die Welt war ein einziges Rauschen, ich hatte jegliche Orientierung verloren und war ĂŒberzeugt, einfach zu warten bis das Trapez still halten wĂŒrde, um mich dann ins Netz fallen zu lassen. Das war der erste Schwung. Beim zweiten Schwung war die Welt immer noch ein Rauschen, alles weiß vor meinen Augen und in meinem Kopf kreischte es, doch ich spĂŒrte, wie mein Körper etwas tat, was mir unbegreiflich war und mit einem Mal landete ich im Netz. Ein Adrenalinschub durchfuhr mich und ich sprang freudig schreiend auf, um im Netz herumzuhĂŒpfen. Was fĂŒr ein triumphales GefĂŒhl. Die Flugtrapez-Crew kam geschlossen herbeigelaufen, um mich zu bejubeln: „Wow! Das war der Wahnsinn! Was fĂŒr ein einmaliger Salto zum Abgang! Sag bloß nicht, es war dein erstes Mal?“. Ich verstand kein Wort, beteuerte, ich hĂ€tte so etwas noch nie zuvor in meinem Leben gemacht. Außerdem könne ich mich an keinen Salto erinnern. „Du solltest unbedingt ein Trapez in den Leben bringen!“, rieten sie mir.

Auch meine Freunde und Bekannte kamen herbeigelaufen, um zu gratulieren. „Das war eine der lustigsten und großartigsten Performances, die ich je gesehen habe! Wir mussten so viel mit dir Lachen!“, gelobten sie. Diese Erfahrung hatte etwas in mir gelöst. Eine alte Angst wurde aufgeweicht. Aus Dankbarkeit half ich der Crew nach dem Festival das Flugtrapez abzubauen und es in die Zirkusschule „La Carampa“ zu bringen, um es dort wieder aufzubauen.

DafĂŒr bekam ich, wiederum aus Dankbarkeit, noch eine Flugstunde am Trapez geschenkt.

© Miriam Strasser 2021-07-16

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