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#kindheitserinnerungen#hebamme#mutterundtochter

Mutter

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Mutter | story.one

Die Beziehung zu meiner Mutter war schon immer schwierig. Das begann bereits bei meiner Geburt. Ich hatte vorgehabt, den dunklen Winter gemütlich zu verschlafen und Ende April / Anfang Mai in eine erblühende Umwelt geboren zu werden. Man sollte meinen, das sei ein verständlicher Wunsch. Wer wird schon gerne bei minus 25 Grad Celsius in einen dunklen Winter mit einer 2 Meter hohen Schneeschicht auf den Straßen geboren? Darauf hatte ich keine Lust. Ich wollte lieber auf den Frühling warten. Meine Mutter machte mir jedoch einen Strich durch die Rechnung, sie meinte der 15. Jänner 1987 sei der richtige Zeitpunkt für meine Geburt und die Wehen setzten ein. Das war unser erster großer Konflikt. Sie wollte mich gebären, ich wollte noch nicht. Wir kämpften ganze 48 Stunden lang um mein Recht auf Winterschlaf. Am Ende hatte sie gewonnen. Ich kam vor Wut tobend um mich schlagend auf die Welt. Was für eine Ungerechtigkeit! Ich war empört. Die Hebamme empfing mich lachend und überreichte mich meiner erschöpften Mutter mit den Worten: „Mit der wirst du noch eine Menge zu tun haben, das kann ich dir versprechen…“. Meine Mutter nahm mich in den Arm und legte mich auf ihre Brust, wo meine kleinen Fäustchen sich wütend austobten. Ich wollte ihr meine Meinung sagen, meiner Empörung Luft verschaffen. Doch, ich muss gestehen, der Nippel, den sie mir anbot, war unglaublich verführerisch. Es ging ein beruhigender Duft davon aus, der mir zu zuflüstern schien: „Es ist alles gut, nimm mich einfach in den Mund und entspann dich…“ Ich hatte keineswegs vor, mich bestechen zu lassen, wollte meinen Prinzipien treu bleiben und mich über diese gewalttätige Störung meines Schlafes empören, um sicherzustellen, dass dies nie wieder vorkommen sollte! Das war mein erster innerer Konflikt. Ich muss gestehen, der Nippel hatte gewonnen. Bald schlummerte ich friedlich, an der Brust meiner Mutter saugend. Doch beim Einschlafen schwor ich mir, Rache zu üben. Ich wollte es ihr heimzahlen. Sie sollte zu spüren bekommen, wie es ist, unsanft und fordernd aus dem Schlaf gerissen zu werden… Ja, sie würde noch bereuen, mich nicht erst im Frühling geboren zu haben! Einen so großen Vorsatz in die Tat umzusetzen, ist nicht leicht. Ich entschied mich für einen Teilkompromiss: solange ich getragen oder zumindest gewiegt wurde, gab ich ruhe und schlief. Ich musste mich auch mal entspannen. Die Winternächte sind lang… Doch wehe, ich wurde einfach abgelegt! Da schlug ich Radau. Tagsüber war ich kulanter. Es war in Ordnung, mich manchmal abzulegen, ich war dann bereit, ein paar Stunden Frieden zu geben. Schließlich brauchte ich auch Zeit für meine Träume. Um konsequent bei einer Aufgabe bleiben zu können, muss man sich genug Erholungsphasen gönnen. Wahrscheinlich war ich deshalb recht früh in meinem Leben ganze Wochenenden bei der Grete Oma. Damit meine Mutter Schlaf nachholte. Bei der Grete Oma schlief ich brav, sie hatte mich ja nicht geboren, mit ihr brauchte ich nicht zu streiten.

© Miriam Strasser 2022-01-28

Kindheitserinnerung

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