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#krankenhaus#schmerzen#logik

Das alte Spiel mit neuen Karten

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Das alte Spiel mit neuen Karten | story.one

Als ich den Inhalt des Messbechers ins Klo kippe, in den ich mein Pipi filtern muss, wenn sich Steine ankündigen, sehe ich auf die Farbe und raune: “O…kay! Das ist neu.” Diese Farbe hab ich in dreißig Jahren noch nie hinbekommen. Ich spüle. Aus den Augen - aus dem Sinn!

Ich hocke mich an den Schreibtisch. Es brennt untenrum. Es brennt aber schon seit zwei Wochen untenrum. Es brennt immer untenrum, wenn alles entzündet ist. Ob ich mal wieder so einen Tee trinken sollte? Bäh! Ach, Kaffee wirkt auch. Also, Kaffee. Mensch, ich bin so müde die letzte Zeit. Aus Albernheit google ich nach der neuen Harnfarbe. Ich lese, sage: “Aha.” und “Mhm." und “Sieh mal einer an!”.

Dann greif ich doch zum Telefon und rufe meinen Doc an. Eine Laborzuweiseung hätte ich gern. Das ist kein Ding, für gewöhnlich. Er fragt wieso, und ich beschreibe das abstruse Kloakenschauspiel. Er stellt mir Fragen, eine nach der anderen. “Ja. Ja. Ja. Ja. Nein. Ja. Ja. Keine Ahnung.”, sage ich. Und er meint: “Du fährst bitte auf die Uro ins Krankenhaus.” “Öhm!”, sage ich: “Wegen der Zuweisung zum Labor wär's gewesen, Onkel Doktor.”, sage ich und lache. “Hör mir zu! Du packst dich zusammen und fährst in die Uro. Das Labor dauert zu lange, verstehst du?”, sagt er und klingt irgendwie nachdrücklich dabei. “Verstehe.”, sage ich, bedanke mich und lege auf.

“Der spinnt doch wohl”, raune ich eingeschnappt, weil der Kittel nicht tut, was ich will. Ins Krankenhaus bringen mich keine zehn Pferde! Hab ich ja gesehen, was mit Vati war, als er ins Krankenhaus gekommen ist. Verrecken haben sie ihn da lassen. Das kann ich auch daheim haben. Und daheim sind Essen, Musik und Gesellschaft besser. Trink ich eben den Tee und schau mal, was passiert. Solang kein Fieber kommt, ist alles halb so wild. Mensch, bin ich müde!

Ich ruf Mutti an. Natürlich fragt sie, wie's mir geht. “Lang gut.”, lautet die Antwort, die keine Fragen offen lässt.Von Vati und Opa hab ich gelernt: “Gewisse Sachen verschweigt man besser, sonst drehen die Weiber durch.”Beispiele?Ausschlag am Po - Kann man erzählen (und sogar herzeigen!). Stechen in der Brust - Nicht erwähnen! Zucken am Auge - berichtbar. Blut beim Husten - Zu verschweigen! Schwindel und Ohnmacht - Situationselastisch zu behandeln.

Getreu dieser Regeln meiner beiden Altvorderen, antworte ich auf Muttis völlig grundlose Nachfrage: “Koliken halt. Nix, was ich nicht schon kenne. Kommt von selber - Geht von selber.”

Ich mach den Becher nochmal voll und schau mir die Farbe lange grübelnd an. Und ich raune leise: “Das… sieht echt nicht gut aus!” Und als Mann, als Jünger der Wissenschaften, beschließe ich, logisch zu handeln und das einzig Vernünftige zu tun: Ich starte eine empirische Reihe, bei der ich anhand verschiedener Getränke beobachten werde, wie und ob sich die Farbe ändert. Doch vorher gibts erst mal Schmerzmittel - schön hoch dosiert - damit ich die Koliken irgendwie aushalte, die durchs Trinken potenziert werden.

Und wenn wer fragen sollte: Mir geht's lang gut!

© MISERANDVS 2021-05-04

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