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#warum#schlaflos#sinnsuche

Ist der Herd aus?

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Ist der Herd aus? | story.one

Nächtliche Gedankenschwere kennt wohl jeder von uns. Fragen wie: “Wie krieg ich das morgen im Büro hin?” oder “Was, wenn die Finanzierung sich nicht ausgeht?” oder vielleicht auch nur: “Ist der Herd aus?” oder ähnliche beschäftigen uns, lassen und manchmal keinen Schlaf finden. Ich denke selten sowas. Meine Fragen, die mich wachhalten sind ganz andere und drehen ich zur Zeit nur um einen Menschen. Ich lag gestern - vielmehr heute - bis kurz vor fünf wach, hab dem Deckenventilator dabei zugesehen, wie er über meinem Bett seine Runden gedreht hat. Und ich hab mich gefragt: “Was hat es Lydia unmöglich gemacht, sich 13 Jahre lang nicht bei mir zu melden zwischen Trennung und Koma?”

Eine Scheißfrage ist das. Ganz ehrlich. Denn dafür musste ich echt weit ausholen. Und ich hab ein paar Theorien entwickelt, die mich alle nicht weiterbringen. Ich denke, Lydia liebte mich bis zuletzt. Daran will ich glauben, das ist, was ihr Opa gesagt hat, das ist, was ich gefühlt hab, und ich denke, das ist es auch, was mich am Tag ihrer Beisetzung zu ihr geführt hat. Ich meine auch, dass - in Anbetracht unserer unglaublichen Liebesgeschichte - sie mich vermisst haben dürfte. Vielleicht nicht ganz so sehr wie ich sie, aber doch. Lydia hatte einen Weg gefunden, sich abzulenken von mir. Erfüllt haben dürften sie diese Ablenkungen nicht. Sie war single bis zuletzt.

Fakt ist, als ich gegangen bin, hab ich sie in einen emotionalen Abgrund fallen lassen. Dass sie da noch glücklich war mit mir, belegen ihre Briefe. Dann haut sie auf die Kacke, säuft, vögelt herum, geht aufs Schiff sieht die Welt, säuft und vögelt auch dort vermutlich, und kommt wieder nachhause zurück, wo sie einen biederen Job im Theater annimmt. Ich verurteile sie für nichts davon. Ich hab sie niemals für eine Entscheidung verurteilt. Aber als sie wieder hier war, wieso heiratet sie nicht? Wieso bleibt sie alleine? Lydia war eine unglaublich schöne Frau, und ihr Wesen war für jeden Kerl augenblicklich einnehmend. Selbst, wenn sie hässlich gewesen wäre, wie die Nacht, war sie so klug und charmant, dass sich dennoch jeder in sie vergucken musste. Geh ich vom für mich angenehmsten Gedanken aus, dass sie mir nachhing, wie ich ihr und ihr - wie mir - auch kein anderer Mensch das geben konnte, was wir erlebt hatten, was wir gefühlt hatten, wieso wollte sie es nicht noch einmal probieren mit mir? Sie wusste, dass ich sie immer lieben würde. Was war es, das es ihr unmöglich war, unsere Liebe, die nie geendet hatte, neu aufzugreifen?Wusste sie von ihrem drohenden Infarkt? Hatte sie sich was Ansteckendes eingefangen? Alles das wäre doch kein Thema für mich gewesen! Ich meine, ich liebte sie trotz Bulimie…13 Jahre sind doch selbst für den schlimmsten Herzschmerz Zeit genug, um zur Ratio zurückzufinden und zu erkennen: “Ich liebe den! Ich möchte bei ihm sein. Denn alles ist Scheiße, ohne ihn.”

Lydia fand keinen Weg zurück zu mir. Und ich finde keine Begründung dafür. Und so liege ich wach, obwohl ich weiß: “Der Herd ist aus.”

© MISERANDVS 2021-06-11

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