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#vater#sohn#stolz

Schaumgeborene Erkenntnis

  • 30
Schaumgeborene Erkenntnis | story.one

Sommer bedeutete Urlaub. Kroatien, Spanien, Griechenland, Italien - das Meer. Im Wasser war ich glücklich, vor allem, seit ich Schwimmen konnte und mir die Plastikflügelchen nicht mehr die Arme wundscheuerten. Langsam entdeckte ich auch den Reiz der Umgebung, die sich bisweilen in mehr oder weniger knappen Bikins zeigte und aus scheuen, pubertierenden Augenwinkeln bestaunt wurde.

Vati unterbrach meine heilige Ruhe mit der Nachricht: “Hab uns ein Boot gemietet. Wir gehen Wasserski-Fahren.” Mir schwante düster, dass mit “Wir” auch ich gemeint sein könnte. Mir schwante richtig. Vati erklärte mir - wie immer - in knappen Worten, worauf es ankäme, bei einer sportlichen Betätigung, die nun wirklich jeder zustande brächte, weil sie dem Grunde nach idiotensicher und überdies watscheneinfach wäre: “Im Wasser tief hocken, die Beine anwinkeln, die Skier zusammen, und wenn das Boot anzieht, langsam und ruhig die Beine durchstrecken und hochkommen.” Ok, das klang wirklich einfach, freute ich mich.

Nach rund 30 Minuten und etlichen peinlichen Versuchen, in denen ich nicht ein einziges Mal den Arsch aus dem Wasser bekommen hatte, zerrte mich Vati ins Boot. Und ich konnte eine weitere Sportart auf meine Liste schreiben, in der ich eine Vollpfeife war. Vati sah mich enttäuscht an. “Ja, dann zeig doch, wenn es so einfach ist!”, forderte ich ihn schnippisch auf, es besser zu machen.

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Vati schnappte sich die beiden Bretter und die Leine, sprang ins Wasser, positionierte sich, gab dem Papagallo am Gashebel ein Zeichen. Der drückte den Hebel nach vorne und der unterdimensionierte Außenboarder gab sein Allerbestes, Vati mit seiner Leibesfülle den salzigen Fluten zu entreißen. Als es nach Bezin und angeschmorten Kabeln zu stinken begann, weil der Motor kurz vorm Exitus war, erhob sich Vati langsam aus dem Meer. Es hatte durchaus etwas Ästhetisches, muss ich gestehen. Als würde ein schwarzgelockter Buddha grinsend vom Meer geboren und in der Folge sogleich beweisen, dass Übers-Wasser-Gehen nur was für Pfuscher ist, wohingegen der gesegnete Profi wellenschneidend und kurvenreißend das Meer beherrscht.

Ich schüttelte den Kopf. Vati konnte Sachen, die rein physikalisch gar nicht machbar sein durften für ihn, richtig gut. Als er sich ins Boot hievte, grinste er mich an: “Siehst du, alles keine große Kunst.” Ich zuckte mit den Schultern.

Fürs Leben hab ich viel von Vati gelernt. Wie man über sich hinauswächst etwa. Oder dass die Grenzen der Physik relativ sind. Und auch, dass Ästhetik keine allgemeinen Normen hat, sondern im jeweiligen Augenblick erkennbar ist. Ich war kein Tausendsassa wie mein Vati. Ich war eine Pfeife, die er dennoch mit seinem ganzem Herzen bis zum letzten Schlag geliebt hat. Woher ich das weiß? Weil er's mir so oft gesagt hat.

Und wenn er mich bat, für ihn etwas zu schreiben, und wenn er das Ergebnis las, lächelte er stolz, nickte und sagte: “Besser hätt' ich's auch nicht hinbekommen.”

© MISERANDVS 2021-05-04

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