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#neuseeland

134 Meter Gummiseil

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134 Meter Gummiseil | story.one

Im Bus läuft Hard Rock, irgendeine lokale Band, die ich nicht kenne. Ben und ich sitzen nebeneinander während der Wagen vorwärts brettert; irgendwann ist die Straße zu Ende und wir rattern über Erde.

„Du springst zuerst“, sage ich zu Ben.

„Aber hallo! Wenn ich Dir beim Springen zugucke, trau ich mich nicht mehr!“

Perfekt. Ich will erstmal zugucken bevor ich mich selbst 200 Meter in die Tiefe stürze. Eigentlich sollte es keinen Unterschied machen, ob ich Ben dabei zugucke oder jemand anderem, der vor uns dran ist, aber so fühlt es sich trotzdem richtig an. Gestern haben wir uns gemeinsam zum Bungy-Sprung angemeldet. 134 Meter Gummiseil unter einer Gondel, die mitten in einer Schlucht hängt. Go big or go home ist das Motto. Mein Bein wippt nervös auf und ab, ich grinse Ben an und tue so als wäre ich nur voller Vorfreude, als wäre ich nicht aufgeregt. Er glaubt mir nicht, aber grinst zurück und als wir da sind steigen wir aus und gehen schnurstracks zum Schalter, wo wir uns anmelden müssen.

Plötzlich geht alles ganz schnell, wir haben unsere Harnesse an, unterschrieben, dass wir uns an die Regeln halten, unsere Sachen eingesperrt und warten auf den Aufzug, der uns zur Plattform bringt, von der wir gleich runterspringen werden. Was für eine bescheuerte Idee sich ein Gummiseil um die Beine zu binden und in eine Schlucht zu springen, was tue ich hier eigentlich?

Als wir ankommen zieht der Betreiber gerade jemanden auf die Plattform zurück, sie strahlt übers ganze Gesicht und sieht so befreit und glücklich aus, dass kurzzeitig alle Zweifel von mir fallen. Dann sagt der Betreiber „you’ll go first“ und zeigt auf mich. Panisch gucke ich zu Ben, wir widersprechen, aber nur halbherzig und eigentlich ist es plötzlich auch völlig egal, wer von uns zuerst springt.

Ich setze mich auf den Stuhl und bekomme das Seil an meine Füße gebunden; den Mechanismus verstehe ich nicht, aber ich gucke trotzdem ganz genau hin. Nach einem letzten Blick zu Ben richte ich mich auf, schwinge die Beine zur Seite und schiebe mich umständlich nach vorne, meine Füße sind zusammengeschnürt und es geht nur sehr langsam voran. Endlich stehe ich am Rand der Plattform, der Betreiber hinter mir und er zählt runter

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„I can’t!“ Plötzlich kommt mir der Abgrund unter mir viel zu weit weg vor, das Bungyseil viel zu unsicher, das ist Wahnsinn, ich kann doch nicht einfach von dieser Plattform springen, was wenn was schiefgeht, was wenn…„Yes, you can“, sagt der Betreiber hinter mir. „It’s now or never. Either you jump. Or you go home.“Er zählt wieder runter

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Und ich springe.

© MissUndomiel 2021-02-23

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