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#hochsensibilität#fühlen#innerewahrheit

Zu sensibel? Gibt es nicht!

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Zu sensibel? Gibt es nicht! | story.one

Es ist Weihnachten. Jahr unbekannt. Unterm Baum liegt ein Päckchen für mich. „Das tibetische Zimmer“ von Ulli Olvedi. Ich schlage die erste Seite auf – und mache mich auf eine Reise, die nie mehr enden wird.

Hochsensibilität. Das ist das Wort, das mir dieses Buch geschenkt hat. Die Handlung jetzt, Jahre später, größtenteils vergessen. Aber dieses eine Wort hat mich nie wieder verlassen.

Endlich habe ich eine Antwort. Eine Antwort auf die Frage, die mich schon so lange quält. Was denn mit mir los ist, was denn mit mir „nicht stimmt“. Hochsensibilität. Meine Antwort.

Seit ich mich erinnern kann, sagt man mir, ich solle nicht so „empfindlich“ sein. Lange gibt es niemanden in meinem Umfeld, der mir etwas anderes vorleben würde. Und ich gewinne den Eindruck, dass ich so wie ich bin nicht angenommen werde, nicht liebenswert bin. Also versuche ich mich anzupassen. Ich gebe mir sogar größtmögliche Mühe dabei. Das Problem ist nur: Ich kann das einfach nicht abstellen, das Sensible in mir. Ich ziehe mich in mich selbst zurück. Werde leise, unsichtbar. Stelle meine sensiblen Fähigkeiten in den Dienst anderer, weil sie da auf einmal etwas Gutes sind. Ein Paradoxon, das ich bis heute nicht durchblicke.

Ein Konflikt entsteht. Zwischen meinem wahren Ich und dem erlernten. Ein immerwährender Kampf tobt in meinem Inneren. Ich unterdrücke und ignoriere ihn so lange ich kann. Bis ich schließlich nicht mehr kann. Bis meine Seele schreit; mich anfleht, etwas zu unternehmen. Nur was? Wo die Lösung finden? Bei anderen offenbar nicht. „Lass dir ein dickeres Fell wachsen.“ „Du musst lernen, dir die Dinge egal sein zu lassen.“ Scheinbar der einzige Ratschlag, den die Welt einem sensiblen Menschen wie mir zu geben hat. Ich habe es lange versucht. Sah es als meinen einzigen Ausweg, meine einzige Lösung. Doch tief in meinem Herzen fühlte ich: „Das kann es doch nicht sein, oder? Wir sind doch nicht auf dieser Welt, um uns die Dinge egal sein zu lassen. Um äußerlich hart und immer härter zu werden, während wir ganz tief in uns drinnen elendiglich zugrunde gehen. Nein, das kann es nicht sein.“

Und dann, vor ein paar Jahren, bin ich einem ganz bestimmten Menschen begegnet. Jemandem, der in vielerlei Hinsicht ähnlich ist wie ich. Er hat mir zunächst Orientierung und Halt, dann ein neues Zuhause gegeben. Er lehrt mich, meine Sensibilität anders zu sehen. Sie anzunehmen, mich anzunehmen. Dafür werde ich ewig dankbar sein.

Gemeinsam arbeiten wir an einer besseren Strategie für mich. Ich übe mich darin, wieder weich zu werden. Mich zu öffnen. Zu empfangen. Auf mich wirken zu lassen. Zu fühlen. Berührt zu werden.

Auch heute noch habe ich manchmal meine Zweifel. Auch heute noch empfinde ich es oft als anstrengend nicht „hart“ zu sein wie der gefühlte Rest der Welt. Einen anderen Weg zu gehen. Meinen Standpunkt zu verteidigen. Doch heute weiß ich: „Zu sensibel“ gibt es nicht. Und Gefühle sind nicht schlecht. Lieber alles fühlen als gar nichts. Lieber leben als „tot“ sein.

© mondzart 2021-11-17

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