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#diversity#alltagsheldinnen

Über Ben. Und Brot.

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Über Ben. Und Brot. | story.one

Endlich, ein näheres Miteinander! Ein allgemeines Aufatmen. Die Angst und Sorgen abstreifen. Es verlockt wieder ins Zusammen, Hinaus und Mehr.

Für diejenigen, die dieses Fest der Möglichkeiten wahrnehmen können.

„Ach, ändern wird sich für uns nicht viel“, meinte Tina auf meine Nachfrage hin am Telefon, als die Pandemiezeit begann. „Wir leben ja schon seit Bens Geburt so für uns, seit vielen Jahren. Vereinzelte Besuche, keine Familienurlaube, und ein No-Go für erkältete Personen in der Nähe. Shopping, was ist das?“

Ben, das 3. Kind meiner Freundin, hat einen wachen, lebensbejahenden Geist mit sehr eingeschränkten, lebensverkürzenden Körperfunktionen. Für Ben könnte eine einfache Erkältung tödlich enden. Ein zerbrechliches, schutzbedürftiges Leben.

„Ich weiß nicht, was wir das ohne die Hilfe der Pflege-Fachkräfte machen würden. Und auch die Familie, Freunde und engagierte Menschen der Kirche und Gemeinde unterstützen uns alle sehr.“

Das Familienleben musste nach seiner Geburt umstrukturiert, Vollzeit-Unterstützung und Umbauten des Hauses organisiert und finanziert werden. Aus anfänglicher purer Verzweiflung wurde ein hoffnungsgetragenes Reich des privaten Glücks geboren. Selten werde ich bei einem Besuch so herzlich empfangen wie bei Tina. Es gibt Frischgebackenes, gemeinsames Spielen mit den Kids, aufgeregtes Erzählen und viel Lachen. „Es war ein Herzenswunsch von ihnen, Tiere zu haben. Jan war ja dagegen, das heißt ja auch wieder mehr Arbeit“, lachte sie. Zwischen den Gemüse- und Kräuterbeeten im Garten dürfen seit letztem Jahr drei Meerschweinchen mit den drei Kindern schmusen.

Tina arbeitet als Grundschullehrerin in Teilzeit. Nach dem Unterricht führt sie zusätzliche Gespräche mit überforderten Eltern ihrer Schüler*innen, die im home office mit Erziehung und Bildung konfrontiert werden oder deren Kinder es mit Angststörungen zu tun bekamen. Auch Bens ältere Schwester konnte sich die Sorge, ihren Bruder anzustecken, lange Zeit nicht aus ihrem Köpfchen schütteln.

„Manchmal kann ich das ständige Jammern meiner Nachbarin nicht ertragen, wie sie als Paar jetzt das home office mit der Betreuung ihres Kindes unter einen Hut bringen sollten“, gestand sie mir einmal seufzend.

Zu unserem Einzug ins Haus überraschte uns Tina mit einem Postpäckchen. Eine Brotbackmischung und Kräutersalz aus einem Kloster schenken sie uns. „Für das Glück in eurem neuen Zuhause, ihr Zugvögel! Wir werden es wohl leider nie auf einen Besuch schaffen, freuen uns aber aus der Ferne mit!“

Manchmal, wenn ich in die frische Kruste eines unserer nun selbstgebackenen Brote beiße, grüße ich gedanklich Tina, bedanke mich für ihre treue Freundschaft und all die wertvollen Einsichten, die sie mir aus unserem Miteinander schenkt. Wertvolle kleine Glücksmomente der unmittelbaren Nähe, achtsame und mitfühlend liebevolle Begegnungen, eingebettet in die berührende, endliche Zerbrechlichkeit unseres Daseins.

© Musenzeit 2021-06-10

schuledeslebens

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