skip to main content

Der Energiekick, der immer wirkt

  • 120
Der Energiekick, der immer wirkt | story.one

“Hallelujaverdammtnochmaljessasna!” rief sie laut auf und er lachte und hielt sich den Bauch. Sie war unfassbar wütend, gleichzeitig war ihre Reaktion so komisch, dass sie selbst lachen musste und so hielten sie sich kurz drauf beide die Bäuche vor Lachen. “Das gibt Rache!” drohte sie und er ahnte, was ihm bevorstand. Nur eben nicht wann…

Es war zum Spiel geworden, dass die Kinder sie erschreckten, wenn sie vom Klo kam. Immer direkt hinter der Klotür in dem Eck zur Küche, wo der Besen hing. Dort sah man nicht hin, dort erwartete man auch niemanden, außer dem Besen. Mehr Platz war ja da nicht. Eigentlich. Sie ging zurück zum Küchentisch und erst da erinnerte sie sich. Eben war sie noch müde gewesen. Hatte mit dem großen Sohn die schriftliche Division in unendlichen Sphären gerechnet, der Tochter die Sätze aufgezeigt, die sie schreiben sollte und vom kleinen Sohn irgendwelche Knetekekse dankend angenommen und als ob geräuschvoll verspeist. Der Tag war noch keine zwei Stunden lang, fühlte sich aber an wie die ausgetrocknete Knetmasse den Kleinsten. Doch jetzt war sie wach. Vom Schreck. Vom Lachen. Vom Ausbruch, aus dem Trott am Küchentisch.

“Los Kinder, weiter geht's!” rief sie, klatschte in die Hände, goss etwas heißes Wasser auf den kalten Kaffee und setzte sich wieder vor den Laptop. Inzwischen gab es neue Emails zu beantworten, der Große wechselte zu Englischvokabeln und die Tochter zu Malreihen. Der Kleinste steig von Knetekeksen auf Lego um.

Die Sonne wanderte hinter die Wolken, es wurde Mittag und die Gemüter wurden hungrig. Die Tochter hing träge über ihren Matheblättern, der Sohn jammerte, weil er sich bei jeder zweiten Vokabel verschrieb. Und sie hatte gerade zum dreizehnten Mal das Internet aus- und wieder eingesteckt, weil es immer wieder abschmierte. “Ich werd mal Essen kochen”, beschloss sie und alle atmeten auf, weil das scheinbar das indirekte Zeichen für Feierabend am Küchentisch war. Der große Sohn ging aufs Klo und als sie die Dose Tomaten aus dem Küchenschrank neben dem Besen holte, erkannte sie ihre Chance. Still quetschte sie sich ins Eck und deutete den anderen beiden an, sie nicht zu verraten. Sie wartete, atmete nur halb so oft und blieb in Stellung. Er brauchte wieder mal länger als sonst, hatte vermutlich das Handy wieder mitgenommen. Und dann kam er heraus getrottet. Sie sprang aus dem Eck und er in die Luft und schrie und dann lachten sie alle. Der Kleinste rannte aufs Klo und rief “Jetzt müsst Ihr mich erschrecken!” und sie lachten noch mehr.

Es funktioniert auch in die andere Richtung, dachte sie. Erschreckt werden und andere erschrecken. Der Energiekick, der immer wirkt. Und wer keinen hat, der legt sich vielleicht eine Ladung Wasserbomben zu und öffnet hin und wieder ein Fenster. Aber ich will niemanden auf dumme Ideen bringen.

© Nadine Hilmar 2021-01-11

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Nadine Hilmar einen Kommentar zu hinterlassen.