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Der Sprung in der Schüssel

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Der Sprung in der Schüssel | story.one

“Die hat doch einen Sprung in der Schüssel!” hatte ihre Mutter damals zu ihrem Vater gesagt und damit die Frau Horaz von gegenüber gemeint. Die hatte kurz zuvor wieder im Stiegenhaus laut Mit Mutter gestritten und mit ihrem Stock gefuchtelt. Dann war sie nach drinnen verschwunden und wollte die Türe zuknallen, aber da war noch der Stock dazwischen und nun hatte sie nicht nur einen Sprung in der Schüssel, sondern auch einen Knick im Stock. Trotzdem wusste sie nicht genau, woher Mutter wusste, dass Frau Horaz eine Schüssel mit Sprung daheim hatte, denn sie war ja nie in der Wohnung von der Alten gewesen. Und was das alles mit dem Streit und dem Stockgefuchtel zu tun hatte, das wusste sie auch nicht, denn dabei war es ja eigentlich um die Wäsche im Waschkeller gegangen. Die hatte wohl wieder falsch gehangen, wer wusste das schon.

Jedenfalls hatte die Schüssel ihrer Oma auch einen Sprung und was für einen. Der führte quer durch die ganze Schüssel und immer, wenn sie bei Oma in der Küche saß und Karten spielte - meist baute sie Kartenhäuser - und Oma kochte oder ihre guten Kuchen backte, dann hatte sie Sorge, dass die Schüssel jeden Moment auseinanderbrechen könnte. Aber sie brach nicht auseinander. Weder unter dem wilden Geknete des Mürbteigs für den Apfelkuchen, noch beim Schlagen von Eiern oder beim Rühren von Teig für Palatschinken. Und selbst als sie mit dem Schöpflöffel dagegen schlug, weil der Postler so laut geläutet hatte, dass sie erschrocken war. Oma war sonst nicht so schreckhaft, aber im Radio hatte es gerade das Lied gespielt, bei dem sie immer ganz verträumt an die Wand starrte, an der eigentlich nichts zum Anstarren hing außer der gemusterten Tapete, die damals ganz modern und neu war. Auf die war sie stolz, weil ihre Küche jetzt eine moderne war und Oma fühlte sich plötzlich ganz modern, auch wenn ihre Schüssel immernoch die alte war mit dem Sprung da drinnen. Jedenfalls hatte sie ihre Tapete angeträumt und den Kopf leise zur Musik hin- und herbewegt und dann hatte der Postler geläutet und Oma hatte mit dem Schöpflöffel gegen die Schüssel geschlagen. Aber selbst da war sie nicht zersprungen.

Und jetzt saß sie hier in der Küche, die längst nicht mehr modern war. Obwohl die Tapete vermutlich schon wieder ganz hip wäre, wenn sie nicht schon 50 Jahre da hängen würde. Und dort neben der Abwasch stand die Schüssel mit dem riesigen Sprung. Längst wusste sie, dass der Sprung in der Schüssel nichts mit dem der alten Horaz zu tun hatte. Aber wenn sie an die letzten Wochen und Monate bei Oma dachte, die sie hier verbracht hatte, fragte sie sich, ob die Nachbarn hier draußen nicht auch dachten, dass sie einen Sprung in der Schüssel hatte. Wenn sie wieder mittags im Nachthemd durch die Gegend lief und allen erzählte, dass sie verfolgt wurde. Oder wenn sie im Vorgarten in der alten Zinkwanne ein Bad nahm. Und sie fragte sich, ob die alte Horaz damals wohl jemanden hatte, der sie dann an die Hand nahm und ihr Lieder vorspielte, die sie davonträumen ließ?

© Nadine Hilmar 2021-01-13

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