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Käsebrothochzeit

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Käsebrothochzeit | story.one

Als sie vor der kleinen Kirche stand, vermischten sich Erinnerungen mit Bauchweh und Erleichterung. Vierundzwanzig Jahre war es her, dass sie hier standen und Käsebrot aßen. Nach einem langen Tag auf dem Rad mit zu viel Gegenwind hatten sie hier endlich einen Platz gefunden um das Zelt aufzuschlagen. Nichts weiter ragte hier aus der kargen Natur heraus als große Felsen. Daneben versteckte sich diese kleine Holzkirche unter Gras.

"Lass uns heiraten!" hatte sie gesagt und er hatte sich an seinem Käsebrot verschluckt. Käsebrot war der essentielle Begleiter hier auf dieser Radtour. Nichts schmeckte nach sechzig Kilometern auf dem Rad, vorzugsweise bei Gegenwind besser, als ein trockenes Brot mit Käse. Gouda. Emmentaler. Bergkäse. Egal. Nie hatte Käsebrot so gut geschmeckt wie hier auf dieser Reise. Nie würde es je wieder so gut schmecken. Aber das wussten sie damals noch nicht.

Er hatte sich erholt und bekam wieder Luft in die Lungen und Farbe ins Gesicht. Das Käsebrot war teils ausgehustet, der Rest klemmte zwischen Daumen und den anderen Fingern. "Das war ein Witz, oder?" fragte er und ahnte schon, dass es keiner war. "Wieso?", rief sie. "Ist doch idyllisch. Nur wir zwei hier vor dieser kleinen Holzkirche. Käsebrot als feierliches Festmahl. Kein riesiges Tamtam."

Er hielt sein Brot fest aber aß nicht weiter. "Moment. Du willst nicht nur einfach so heiraten, du willst hier heiraten?" Sie strahlte nur. Sie meinte es ernst. Alles. Und er wusste, dass es genau das war, weshalb er nicht anders konnte als ja sagen und lachen. Und dann heirateten sie. Formlos. Ganz allein. Umgeben von allen Gefühlen und Gedanken, die eine Hochzeit ausmachen sollten. Sie aßen Käsebrot und tranken Wasser. Sie feierten die Hochzeitsnacht im Zelt unter einem stürmischen, aber ausnahmsweise trockenen Himmel.

Sie schluckte. Sie hatte geglaubt, die Käsebrothochzeit wäre ein gutes Omen für sie gewesen. Kein teures Drumherum, keine hundert Zeugen, denen man strahlend die eigene Liebe zeigen will. Kein runder Schmuck, der die Ewigkeit bedeuten soll.

Dennoch war auch ihnen irgendwann der Käse vom Brot gerutscht, war die Rinde hart geworden, hatte sich der Geschmack verändert.

Sie blickte auf die kleine Holzkirche und ruhte irgendwo zwischen einem Damals und dem Jetzt, tauchte durch eine Millionen Gefühle und atmete all diese aus in die kühle Luft dieses Frühsommerabends. Dann stellte sie ihren Rucksack ab und holte eine kleine Schaufel heraus. Hinter der Kirche, dort, wo damals ihr Zelt gestanden hatte, grub sie ein bisschen Erde aus. Dann zog sie ein in Butterbrot gewickeltes Päckchen heraus und legte es hinein. "Danke", sagte sie in die Stille hinein. Danke für die schönen Erinnerungen, die dennoch bleiben. Danke für die Träume und Wünsche, die sie gemeinsam hatten. Danke für den Mut, die Richtung des Lebens zu ändern. Und danke für die Käsebrothochzeit hier, an diesem verlassenen Ort.

© Nadine Hilmar 2020-05-09

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