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Rückenwind

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Rückenwind | story.one

Wir standen direkt vor dem Gletscher und ließen uns von der Wucht der Natur einnehmen. Mit jedem Schritt hierher war es kälter geworden. Das Eis lag still, aber gewaltig vor uns und starrte uns an. Wir starrten zurück. Die Vorstellung, was passieren würde, wenn die Wassermassen plötzlich schmelzen würden, ließ mich noch mehr frieren. Selten hatte ich mich so klein gefühlt. Weiter vorn hatte es Markierungen gegeben, bis wohin der Gletscher einst gereicht hatte. Die Veränderungen der Natur waren hier deutlich.

Nach einer ruhigen Nacht im Zelt nur wenige Meter vom Gletscher entfernt packten wir alles zusammen, schnürten Schlafsäcke und Packtaschen an unsere Räder, so wie wir es die letzten zehn Tage getan hatten. Und dann machten wir uns auf den Rückweg Richtung Reykjavik. Skaftafell war der weiteste Punkt unserer Radtour geworden. Mit einem Abstecher nach Gulfoss waren wir der Ringstraße gefolgt und sind täglich vom Zauber der Landschaft begleitet nach Osten getreten. Von hier aus ging es nun zurück aber das Fernweh hatte sich bereits in unsere Taschen eingeschlichen.

Auf der mittlerweile vertrauten Ringstraße ließen wir uns Richtung Westen treiben. Aber irgendetwas war heute anders. Der Rhythmus war schneller. Das Treten fühlte sich an, als würden Luftballons meine Beine immer wieder nach oben ziehen. Wir flogen dahin. Erst da erkannten wir, wonach wir uns tagelang gesehnt hatten. Rückenwind. Er trieb uns vorbei an Sandwüsten, an grünen Hügeln und Hängen. Fliegend kosteten wir immer wieder leichte Brisen von Meer. Fliegend lachten wir dem Gefühl entgegen, komplett frei zu sein.

“Wenn wir so weiterfliegen, schaffen wir es heute noch bis Reykjavik”, rief ich und wollte damit nur einen irren Witz machen. Aber als wir bei der nächsten Pause unsere Käsebrote genossen, überschlugen wir die Idee kurz. Verrückt. Komplett irre. Aber zeitlich war es drin, denn der Sommer würde uns die ganze Nacht den Weg leuchten. Es war Anfang Juli und schon in am ersten Tag waren wir bis Mitternacht geradelt. Was aber mehr an unserem sturen Unwillen lag, einen Zeltplatz aufzusuchen und wild zu campen, nur weil es erlaubt war. Die Rechnung hatten wir ohne den lavasteinigen Boden Islands gemacht. Einen Platz zum Campen zu finden, der so groß war wie unser Zelt und auf dem kein Stein lag, war eine fast unmögliche Mission gewesen.

Vielleicht hatte uns die unfassbare Natur Islands bereits komplett das Gehirn verzaubert, aber wir glaubten an unsere irre Idee und warfen uns erneut auf die Räder. Die Vorstellung in diesem Tempo bei dem Wetter den ganzen Tag auf dem Rad zu sein, war überwältigend. Ich hatte mich allmählich an den neuen Rhythmus gewöhnt, das Tempo, den warmen Wind von hinten, das Gefühl zu fliegen. Die Straße lag noch ein kurzes Stück gerade vor mir, dann bog sie hinter einem Hügel ab. Und wir auf ihr. Nur der Rückenwind hatte einen anderen Weg genommen. Hier schlug uns nun wieder verregneter Wind entgegen. Und die Natur lachte uns schallend aus.

© Nadine Hilmar 2021-01-20

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