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Ein ganzes halbes Leben

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Ein ganzes halbes Leben | story.one

Es ist der Nachmittag des 30. April vor mehr als 25 Jahren. Die Temperatur schon angenehm frühlingshaft, doch der Himmel seltsam wolkenverhangen. Es ist einer dieser langweiligen Nachmittage meiner frühen Jugend, an denen wir tatsächlich noch versuchen die Zeit zu vertreiben.

Meine Schulfreundin K. und ich ziehen mit unseren Drahteseln durchs Dorf. Wir beschließen an den kleinen See zu radeln, der außerhalb liegt.

Auf dem Weg treffen wir C., einen Burschen aus dem Ort, den ich flüchtig von der Bushaltestelle kenne. Schließlich fahren wir im Dreiergespann Richtung Osten.

Am See angekommen, führt der Weg über eine dichte Wiese. Ich sehe wie die beiden auf die tiefe Böschung zu radeln. Mir wird mulmig, brettere aber mutig hinterher. Augen zu und durch, denke ich mir und trete, auf den Abhang zusteuernd, kräftig in die Pedale.

Beim bergab Fahren komme ich ins Schlingern und "reiße einen ordentlichen Stern”. Augenblicklich fühle ich die Schamesröte aufsteigen, doch die beiden vor mir haben nichts bemerkt. Schnell springe ich wieder aufs Rad, doch mein Tritt geht ins Leere, die Kette ist nicht mehr am richtigen Platz und hat sich verkeilt. “Oh Shit!”, entfährt es mir. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Rad zu schieben. Von K. und C. ist keine Spur mehr. Das ist mir nur recht, fährt es mir durch den Kopf. Ist ja wirklich zu peinlich das Rad den ganzen Rückweg zu schieben. Besser es sieht mich niemand.

Als ich am anderen Ende des Sees das Rad Richtung Straße hinaufschiebe, kommt mir C. entgegen. Wieder beginnt mein Gesicht vor Peinlichkeit zu glühen. “Was ist passiert? Kann ich dir helfen?” klingt das angenehm durchdringende Timbre seiner tiefen Stimme zu mir rüber. Ein seltsamer Schauer durchfährt mich. Ein bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekanntes Gefühl kommt in mir auf. Verlegen schaue ich zu Boden. “Danke, geht schon, es ist nur die Kette raus!" höre ich mich stammeln. “Lass mich mal!”, sagt er selbstbewusst und mit ein paar geschickten Handgriffen seinerseits ist alles erledigt. Ich schaue kurz auf, direkt in seine gutmütigen Augen und erwidere lediglich mit einem lässigen “Thanks”. Plötzlich fühlt sich mein Bauch komisch an. Da ist dieses Gefühl von Leichtigkeit, als würden Schmetterlingsflügel mich von innen berühren.

Hintereinander radeln wir ins Dorf zurück und auf einmal ist da dieses unsichtbar zarte Band zwischen uns und die Welt mit einem Mal eine ganz andere…

Es war der Beginn meiner ersten großen, langen und einer sehr intensiven Liebe.

Wir sind bereits mehr als mein halbes Leben zusammen, als ich mit 26 deutlich fühle, dass das Leben noch einen anderen Plan mit mir hat und der Schritt der Trennung unausweichlich ist.

Doch es war, als hätte ich uns beiden die Hälfte unserer Herzen eigenhändig herausgerissen. Es dauerte weitere 10 Jahre bis diese tiefe Wunde vom Licht der Freundschaft durchdrungen war und alles langsam zu heilen begann. Auch wenn sie sich in ihrer Form wandelt, die Liebe, sie bleibt für immer.

© nanelinne 2021-02-14

whatisloveVon Tränen, Schmerz und VerzweiflungLiebe anders.Love-Stories

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