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#erinnerung

An der Grenze zum Vergessen (II)

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An der Grenze zum Vergessen (II) | story.one

Da die alte Frau recht klein war, konnte sie inmitten der Schulkinder getarnt, über die Brücke auf die oberösterreichische Seite gelangen. Sie nutzte die Zeit, während die Kinder in der Schule waren, um Nahrung und andere lebenswichtige Dinge zu erwerben. Dank ihrer Verkleidung konnte sie so oft Lebensmittel hin und her schmuggeln. Denn anders war das nur schwer möglich, da die Personen beim Überqueren der Brücke und dem Wechseln zwischen den Besatzungszonen genau kontrolliert wurden. Dafür mussten alle ab 15 Jahren ihren Identitätsausweis, den sogenannten „I-Ausweis“, bei sich tragen.

Nach und nach kehrte so nach dem Kriegsende ein neuer Alltag ein. Bald gab es auch wieder Sonntagsmessen auf einem Bauernhof. Doch einer ihrer Brüder, von denen nicht alle von der Front zurückgekehrt waren, wollte eines Sonntags nicht mit zur Messe gehen. Sein Vorhaben blieb geheim, doch allzu bald, kam es ans Licht. Er war mit einem Freund zur Landstraße geschlichen, wo immer noch unheilvoll die Spuren des Krieges zu sehen waren: Sie war übersät mit Waffen. Sein Freund hatte gehört, dass manche Innenteile zum Heizen verwendet werden könnten, daher wollten sie nach solchen suchen.

Schnell wurde es ihrem Bruder aber zu riskant, er wollte gehen. Doch sein Freund schlug ein Waffenteil auf und dieses explodierte. Er wurde förmlich zerrissen. Ihr Bruder selbst wurde dabei zum Glück nur verletzt. Ein russischer Arzt konnte ihn operieren, sodass er überlebte. Das prägte den Eindruck, den sie und ihre Familie von den russischen Besetzern hatten. Nichtsdestotrotz, Angst kennzeichnete den Alltag. Menschen fürchteten um ihr Hab und Gut und auch um ihr Leben. Lebensmittel waren trotz der Äcker knapp. Die stationierten russischen Soldaten mussten versorgt werden, alles war rationiert. Aber immer noch besser als in Großstädten.

Ihre Familie hatte Obstbäume im Garten, eine Ziege und frisches Wasser aus dem Brunnen. Manchmal hatten sie Glück und ergatterten dazu ein Stück Brot. Oftmals schimmelig. Sie und ihre Schwestern schrubbten den Schimmel ab, trockneten es in der Sonne und dann wurde es gegessen. Heute unvorstellbar, alles ist nach Lust und Laune verfügbar, in solchen Mengen, dass selbst noch genießbare Lebensmittel im Müll landen. Weltweit hungern immer noch viele Menschen und dass vor knapp 70 Jahren auch in Österreich eine ganz andere Situation herrschte, gerät immer mehr in Vergessenheit. Darum erzählt sie. Denn egal, ob traurige, schlimme oder auch schöne Erinnerungen, sie dürfen nicht vergessen werden. Wenn man sich bewusst macht, auf welchem Weg das Heute entstanden ist, nimmt man es dankbarer an und kann es anders schätzen. Und für die Zukunft lernen.

Bild: unsplash/Rod Long

© Nela 2021-06-10

Kriegs- und Nachkriegszeit

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