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Madame D. und der spanische Polizist

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Madame D. und der spanische Polizist | story.one

In den 1980-iger Jahren war es durchaus üblich, mehr als zwei Wochen Urlaub am Stück zu nehmen und so machte Nele sich mit ihrer Citroen Dyane auf, um für drei Wochen nach Lissabon zu reisen. Das Auto war zwar eine alte Dame, hatte bislang aber über keinerlei Gebrechen geklagt.

Die Dyane schnurrte durch ihr Heimatland und auch Spanien erreichten sie ohne Zwischenfälle. Am liebsten fuhr Nele nachts mit zurückgerolltem Verdeck und genoss den Sternenhimmel. Tagsüber gönnte sie der alten Dame großzügige Pausen unter Schatten spendenden Bäumen. Noch drei Etappen bis zum Ziel, dann durfte die wackere Lady für zwei Wochen pausieren, bevor es zurück nach Freiburg gehen würde.

Kurz hinter Saragossa begann Madame Dyane zu maulen. Nele verstand nicht und war besorgt. Madame D. wurde ungeduldig, schimpfte, zischte. Sie steigerte sich in einen Wutanfall, der ihr offenbar das Sprachvermögen raubte. Sie stammelte, stotterte und schließlich konnte sie den Unmut über ihre schwindende Beweglichkeit gar nicht mehr äußern. Langsam zuckelten sie weiter. Zum Glück tauchte rechter Hand, wie aus dem Nichts, eine schwach beleuchtete Tankstelle auf. Mit letzter Kraft rollten sie direkt vor die Eingangstür.

Das schummerige Licht stellte sich als Nachtbeleuchtung heraus. Kein Mensch weit und breit. Nele musste also bis zum nächsten Morgen warten und bangen, ob der Tankwart Madame D. reanimieren könnte. Im Gegensatz zu ihr war Nele hellwach. In der Ferne sah sie ein Scheinwerferlicht näher kommen. Es gehörte zu einem Motorrad, das jetzt von der Straße abbog und neben ihr hielt.

Oh nein, Polizei! Neles leerer Magen zog sich zusammen. Aber der Polizist grüßte freundlich und fragte, ob alles in Ordnung sei. Jedenfalls verstand Nele ein paar Brocken, in denen "todo" und "bien" vorkamen. Sie nickte heftig und kramte nach ihren Papieren. Er lächelte und winkte ab. Gut, wenigstens keine Kontrolle. Nele quatschte mit einem wilden Kauderwelsch drauf los. Er verstand, dass sie problemas con vehiculo hatte und ließ einen Wortschwall auf sie niederprasseln. Nele schaute ihn fragend an und stotterte: „vehiculo morte“. Er grinste und gab ihr zu verstehen, dass sie die Motorhaube entriegeln sollte, tauchte ab im Bauch von Madame D., murmelte etwas, das sich nach Ratlosigkeit anhörte. Dann zog er eine Taschenlampe hervor und durchleuchtete die Eingeweide. „Ahhhh!“, meinte er. Sein Tonfall gab Anlass zur Hoffnung. Er richtete sich auf, zog Stanniolpapier aus einer Zigarettenschachtel, faltete es sorgfältig zu einem schmalen Streifen, der, wie er Nele nun zeigte, als Pflaster für eine lädierte Leitung dienen sollte.

Da sage noch einer, die Polizei sei weder Freund noch Helfer! Und dieser freundliche Helfer war auch noch kreativ! Nele startete den Motor und nach kurzem Räuspern ertönte wieder Madame Dyanes gleichmäßiges Schnurren. Großartig! Der Polizist ermahnte Nele, so schnell wie möglich eine Werkstatt aufzusuchen und brauste davon.

© NeleChryselius 2020-08-10

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