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Die Resilienz

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Die Resilienz | story.one

Seit ich klein bin, fragen sich die Leute in meinem Leben, ob ich über die Jahre hinweg wohl genug Resilienz entwickeln würde, heute bin ich groß und bullig und ich denke, dass sie sich die Frage trotzdem noch immer stellen. Man hat eben gewisse Vorstellungen von geistiger Stabilität, während in mir die Zweifel hochkochen: „Kann man Resilienz überhaupt messen?“ Die Pandemie hat mich nicht eiskalt erwischt, ich war vorbereitet. Als ich zwölf war, machten wir von der Schule aus mit unserer Klasse einen Ausflug ins naturhistorische Museum in Salzburg, ich staunte über die faszinierenden Biome, ich versank richtig in der Geschichte, war ganz vernarrt in die Liebe zum Detail. Mit zwei Freunden setzte ich mich in ein Kino mit einem Kurzfilm über die prähistorischen Dinosaurier, ich schaute nicht nur auf den Bildschirm, ich glotzte mit sperrangelweiten Augen und offenem Mund, ganz gefesselt war ich. Die beiden Freunde zerrten an mir, warnten mich, dann gingen sie. Schließlich war der Film vorbei und ich erwachte aus meiner Trance, es dauerte nur kurz, um zu registrieren, dass die Lehrer und meine Klasse fort waren. An der Rezeption meinten sie, ich solle meine Suche doch in der Innenstadt fortsetzen. Ganz panisch, schweißgebadet, verzweifelt lief ich die Gassen umher. „Ihr könnt mich doch nicht einfach so im Stich lassen!“, dachte ich mir wutentbrannt. Am Ende fand ich den Anschluss zu der Gruppe, aber ‚stärker‘ machte mich dieses Verhalten nicht. Stärke verlieh mir die Güte von Menschen, die Verständnis zeigten und Bescheid darüber wussten, was jeder Mensch im Grunde ‚wirklich‘ will: Geborgenheit und Akzeptanz – keiner muss dafür in den Wahlkampf ziehen und Bundespräsident werden, wir können diese Dinge annehmen, sie anderen weitergeben, wie ein gutartiges Virus, wie eine Pandemie des Glücks. Das macht die grausigen Dinge, die wir als Gesellschaft tun, aber nicht ungeschehen, Tod und Verlust zu akzeptieren ist bestimmt viel schwerer, als jemanden die Hand auszustrecken, nicht um etwas zu übertragen, sondern als Zeichen der Solidarität. Letztendlich können wir gegenseitig einander nur um Verzeihung bitten, um Vergebung und darum, dass wir aus der Geschichte lernen. Für mich liegt der Kern von Resilienz nicht darin, ein Stein aus Herz zu haben, auch wenn es hart klingt, sondern für mich zählt die Bereitschaft dazu, Schwäche zu zeigen, denn wir als Menschheit, wir sind meiner Meinung nach eh schon am Boden angekommen – wir kriechen, betteln, können und wollen nicht zugeben, dass wir das Spiel falsch spielen. Mein Herz blutet für all diejenigen, die ihre Liebsten nicht besuchen können, denen kein richtiger Abschied vergönnt wurde, diejenigen, die einsam sind, die verzichten und trotz allem an die Hoffnung glauben, denn an die, an die möchte ich auch glauben. Ob das ‚genug‘ ist, wird sich noch zeigen, aber zumindest bleibe ich mir damit treu und bin ehrlich, Steine gibt’s auf der Welt genug...oder wie siehst du das?

© NicoBlunt 2021-05-04

CORONA-Jugend ... N O lost generation!

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