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#Afrika#armut#wege

Wege in Simbabwe

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Wege in Simbabwe | story.one

Ankunft Flughafen Simbabwe. Hier gibt es kein Gate, keine langen Flughallen oder gar Rolltreppen, sondern lediglich eine kleine Gangway, die an das Flugzeug herangeschoben wird. Wir ĂŒberqueren das Rollfeld zu Fuß und stellen uns in der langen Schlange des ĂŒberfĂŒllten Holzunterstandes an, der als Passkontrolle dient. Kaum verlassen wir den Flughafen, fallen Taxifahrer wie Ameisen ĂŒber uns her. Jeder hat den besten Abzocker-Preis, um uns zu unserer Unterkunft zu fahren. Doch glĂŒcklicherweise haben wir unseren eigenen Shuttle-Service zur ‚Gorges Lodge‘, die ziemlich abgelegen liegt.

Sobald wir losfahren, prasseln die EindrĂŒcke nur so auf uns nieder. Wir lassen mehrere MilitĂ€rfahrzeuge passieren, auf denen Soldaten mit schweren Maschinengewehren im Anschlag sitzen. Schmutzige, kleine HĂ€nde bettelnder Kinder klatschen auf unsere Fensterscheibe. Unserer Fahrer schimpft mit ihnen und scheucht sie beiseite, damit er wieder beschleunigen kann. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen, als ich einen Pavian am Straßenrand sehe, der gerade versucht, einem Halbstarken Essen zu klauen. Eine Bande Jugendlicher vertreibt ihn mit wilden Gesten und einem dröhnenden Ghettoblaster. Ich frage mich, wer in diesem Land gefĂ€hrlicher ist: die Affen oder die Menschen.

Nach einer Weile biegt unser klimatisiertes Auto von der gepflasterten Straße ab auf eine ungeteerte Piste. Hier legt sich der Tumult der Hauptstraße langsam. Mein Mann und ich besprechen, wie wir die drei Tage Zwischenstopp in Simbabwe am besten nutzen und wie wir dabei von A nach B kommen. Nach fast einer halben Stunde Fahrt erregt ein vollgepackter Schubkarren, der von einem Bullen gezogen wird, meine Aufmerksamkeit. Ich frage unseren Fahrer, was es damit auf sich hat. »Ah, unser afrikanischer Ferrari«, lacht er stolz. »Sowas haben nur Wohlhabende.« Der Mann, der den Bullen fĂŒhrt, sieht alles andere als wohlhabend aus. »Normalerweise trĂ€gt man alles selbst«, erklĂ€rt er und zeigt auf eine Frau auf der anderen Straßenseite, die ein Dutzend Orangen auf ihrem Kopf balanciert und schwere Eimer voll Wasser trĂ€gt. Weit und breit ist kein Dorf zu sehen. Alles, was die Dorfbewohner nicht selbst anbauen können, mĂŒssen sie zu Fuß in der Stadt kaufen und nach Hause tragen. Da sie in der Regel keine Transportmittel besitzen, mĂŒssen sie sich gut ĂŒberlegen, fĂŒr welche Lebensmittel sie den weiten Weg auf sich nehmen. Plötzlich kommt es mir lĂ€cherlich vor, unsere Route an SehenswĂŒrdigkeiten zu planen, wĂ€hrend die Einheimischen tagtĂ€glich ihre Kilometer weiten MĂ€rsche fĂŒr Essensrationen antreten und dabei priorisieren mĂŒssen, welches Lebensmittel heute am dringendsten benötigt wird.

Ich klappe meinen ReisefĂŒhrer zu und blicke nachdenklich der schwer schleppenden Frau, dem angestrengt ziehenden Bullen, den diebischen Pavianen und der vorbeiziehenden afrikanischen Steppe hinterher. Wie unterschiedlich unsere (Lebens-)Wege doch sind.

© Nina Waldkirch 2021-03-14

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