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Der fünfjährige Obstverkäufer

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Der fünfjährige Obstverkäufer | story.one

Verkauf faszinierte mich als Kind. Schräg gegenüber von meinem Haus gab es eine Greißlerei, die vom hochbetagten Ehepaar Seethaler betrieben wurde. Genau gegenüber von uns stand das Haus der Seethalers, das älteste von Mauer, das sogar schon die Türkenbelagerung überlebt hatte.

Oft war ich als Vierjähriger in dieser kleinen Welt der Seethalers, um zu plaudern oder ein paar Stollwerk Karamell-Bonbons um 10 Groschen das Stück zu kaufen. Der Ladenbau war verwinkelt und es gab für meine Kinderaugen, was das Herz begehrte.

Meine Eltern unterstützten dieses Interesse und schenkten mir zu Weihnachten 1964 einen Verkaufsladen. Mein Vater war sehr geschickt und baute gemeinsam mit seinem Schwager, der Architekt war, diesen Verkaufsladen. In wunderschönen Holzbuchstaben - mein Vater arbeitete sein Leben lang in einer Firma, die Beschriftungen und Neon-Anlagen für bekannte Firmen herstellte - stand: FEINKOST NETSCH.

Ich war zunächst begeistert. Es gab eine Kassa mit Geld und viele Produkte waren im Verkaufsladen zu finden. Meine Ernüchterung folgte aber rasch. Mir wurde erklärt, dass das Geld nur Spielgeld sei und die Produkte dürfte ich auf keinen Fall essen, weil es nur künstliche Lebensmittel waren. Auf meine Frage, wem ich das verkaufen sollte und wie ich damit echtes Geld verdienen könnte, antwortete man: Du spielst das nur. Ich erinnere mich noch genau an meine völlige Fassungslosigkeit darüber.

Ich war zwar kein besonders waches Kind und so wurde zwei Jahre später meine Mutter schon kurz nach Schulbeginn von der Volksschullehrerin vorgeladen, um sich meinen senkrechten Strich an einer Wandtafel anzuschauen. Alle Kinder mussten so einen Strich zeichnen und meiner war offensichtlich sehr bedenklich. Meine Mutter fragte mich auch, warum ich das nicht besser hinbekommen habe, zumal ich ja zu Hause eine Tafel mit Kreide hatte und das ein wenig üben könnte. Ich weiß nicht, was ich ihr geantwortet habe und es war mir auch überraschend unwichtig. Diese und viele weitere Fehlleistungen in der Schule haben mich seltsamer Weise meist nicht sonderlich betroffen gemacht.

Das Problem mit dem Kaufmannsladen wollte mir aber schon als Vierjähriger nicht aus dem Kopf gehen. So dachte ich damals sehr ernsthaft über eine Firmengründung nach. Ich wollte etwas Sinnvolles verkaufen und ging im darauffolgenden Frühjahr immer wieder an dem liebevoll gestalteten Einkaufsladen vorbei in unseren großen Garten, der voller Obstbäume war, die im Frühjahr herrlich blühten. Als Kind nimmt man viele schöne Dinge in der Welt noch nicht so bewusst wahr, aber diese Blüten mit den summenden Bienen waren einfach überwältigend. Die Schattenseite war allerdings später das Fallobst, wieder mit vielen Bienen und auch Wespen, auf die man als Kind dann versehentlich trat.

Im Mai hatte ich meinen fünften Geburtstag und im Laufe des Sommers wusste ich endlich, was ich verkaufen könnte: Ich wurde Obstverkäufer an unserem Straßentor.

© Norbert Netsch 2020-08-07

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