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#radfahren#podcast

Der Radfahrer

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Der Radfahrer | story.one

Ich wohne in Mauer, einem Teil von Liesing, dem 23. Bezirk von Wien, und ich arbeite auch in Mauer als Lehrer. Das ist ein besonderer GlĂŒcksfall, weil Mauer ein wirklich schöner Ort direkt am Wiener Wald ist, wo es noch viele EinfamilienhĂ€user mit liebevoll gepflegten GĂ€rten gibt. So ist mein Schulweg ein echtes Geschenk und das wurde noch durch einen etwa achtzigjĂ€hrigen Radfahrer bereichert.

Er wohnte in einem alten Haus, das wie ein kleines Schlösschen aussieht, vermutlich mit einem großen Garten, ich stelle mir einen Schlösschen-Park vor. Der Mann hielt sich aber offensichtlich nicht viel in seinem Garten auf, da er in der FrĂŒh, zu Mittag und auch am spĂ€ten Nachmittag mit seinem Fahrrad immer die gleichen Runden drehte. Mir fiel sein glĂŒckliches Gesicht beim Fahren auf. Besonders glĂŒcklich bei Sonnenschein, aber auch bei trĂŒbem Wetter oder gar leichtem Regen wirkte er zufrieden.

Offensichtlich war der Weg sein Ziel. So fuhr er beispielsweise die bemerkenswerte Steigung der Johann Teufel Gasse zur Rudolf Waisenhorngasse hinauf, drehte dann um und fuhr wieder hinunter. Als es noch keine Gassennamen gab, war das der sogenannte Sauberg, und ich kann mir gut vorstellen, dass der Mann in seiner Kindheit vielleicht dort rodeln war und nun mit dem Fahrrad dieses GefĂŒhl der Abfahrt immer wieder genießen wollte.

Umso öfter ich ihn sah, umso vertrauter wurde er mir, und ich wollte ihn gerne fĂŒr meine Zeitung interviewen oder sogar einen Podcast mit ihm aufnehmen, damit er das Geheimnis seines offensichtlich gelungenen Lebens mit anderen teilt. Ich fotografierte ihn schon heimlich beim Radfahren, um ein Bild von ihm fĂŒr den geplanten Artikel zu haben.

Dann kamen mir wieder Zweifel. Ein Mensch, der von frĂŒh bis spĂ€t allein seine Runden dreht und dazwischen nur Erholungspausen einlegt, um sich zu stĂ€rken und zu erholen, wird wohl kein Interesse an einem GesprĂ€ch mit mir haben. Wer weiß, ob er wirklich so glĂŒcklich war? Vielleicht haben ihn nur Einsamkeit und Verzweiflung auf die Straße getrieben und das Radfahren war eine Therapie fĂŒr ihn.

Zuletzt dachte ich mir auch, dass er nur mein Interesse erregte, weil er ein Teil meiner Geschichte als SechzigjĂ€hriger ist, der sich Gedanken macht, wie es wohl mit achtzig sein wird. Erfreulich, weil man noch Sport betreiben kann und Spaß am Leben hat?

Wirklich beunruhigt war ich nach ein oder zwei Jahren, als der Mann nicht mehr unterwegs war. Mit Sicherheit stieg er manchmal mit dem GefĂŒhl aufs Rad, dass es nicht selbstverstĂ€ndlich war. Die Idee, dass es das letzte Mal sein könnte.

Von Nachbarn erfuhr ich schließlich, dass er tot in seinem Haus aufgefunden worden war. Er lag dort schon einige Zeit, weil er keine MitbewohnerInnen hatte und ĂŒberhaupt wenig Kontakt zu anderen Menschen. Selbst zu seinen Nachbarn war er manchmal ungnĂ€dig, wenn sie ihn ansprachen. Er wollte allein sein.

Vermutlich hÀtte er nicht mit mir gesprochen. Aber hÀtte ich ihn nicht doch fragen sollen?

© Norbert Netsch 2021-08-18

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