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Georg Danzer - der Wendepunkt

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Georg Danzer - der Wendepunkt | story.one

In meiner Karriere als Redakteur lief es zunächst wirklich gut. Ich hatte gerade André Heller für die Schülerzeitung interviewt und ihn auch über Georg Danzer befragt. Nun rief ich bei Danzer an und fragte ihn, ob er wissen wollte, was Heller über ihn sagte. Ich habe keine Ahnung, ob das den Ausschlag für die Zusage gegeben hat. Dieses Interview war jedenfalls ganz anders.

Schon der Tag unterschied sich sehr: Heller interviewte ich an einem trüben Tag, Danzer an einem strahlenden Sommertag. Er wohnte nicht wie Heller in einer prachtvollen Villa, sondern in einer Hietzinger Altbau-Wohnung mit einem Balkon. Als ich läutete, öffnete mir eine splitternackte sehr schöne Frau. Sie war unglaublich natürlich und nett, genauso wie Georg Danzer selbst. Somit war diese Situation überhaupt nicht peinlich, zumal sie sich gleich wieder auf den Balkon zum Sonnen zurückzog und ich mit Danzer in dessen Arbeitszimmer blieb.

Er bot mir sofort das Du-Wort an und wirkte wesentlich jünger als Heller, den ich ehrfürchtig gesiezt hatte, obwohl er ein Jahr jünger als Danzer ist. Natürlich hatte ich nach dem Heller-Interview schon etwas mehr Selbstvertrauen und war auch besser vorbereitet. Das war gar nicht so schwierig, weil Danzer 1975 seinen großen Hit "Jö schau" hatte und danach mit "Hupf in Gatsch" einen zweiten Hit landete, zu dem ich immer wieder in der Tanzschule Elmayer Polka tanzte.

Trotzdem kann ich mich auch an dieses Interview inhaltlich kaum mehr erinnern. Ein Satz von Danzer beeindruckte mich sehr: Nicht der erste Erfolg wäre entscheidend und auch nicht der zweite, sondern erst der dritte. Nach dem ersten Erfolg würden viele Menschen automatisch die darauffolgende LP kaufen. Aber wenn sie die dritte kaufen, dann hätte man es wirklich geschafft.

Das erschien mir sehr einleuchtend. Danzer war unglaublich offen und einnehmend. Man spürte, dass er nicht nur musikalisch, sondern wie André Heller auch sehr wortgewandt war. Er war authentisch, weil er die Freiheit, die er sich vorstellte, tatsächlich lebte.

Natürlich fragte ich auch ihn, was er von Heller und Ambros hielt (Heller schickte ich den Artikel per Post) und es war mit meinen Chefredakteuren auch schon ausgemacht, dass ich Ambros als nächsten interviewen werde.

Dann kam die überraschende Wende: Ich wollte Ambros nicht mehr interviewen. Der Grund war nicht, weil er in Purkersdorf wohnte und daher nicht fünf Minuten von meiner Schule entfernt und der Grund war auch nicht, weil ich schon genug Geld verdient hatte. Im Gegenteil: Mit meinen Freunden saß ich oft im Café Dommayer einige Stunden bei einem kleinen Braunen und fünf Gläsern Wasser und Urlaube verbrachte ich in einem kleinen Zelt, aß eine Packung Keks am Tag und trank dazu eine Flasche Mineralwasser. Geld interessierte mich nicht. Für mich wurde klar: Ich wollte nicht mehr länger Redakteur sein, ich wollte Zeitungsmacher werden. Der authentische Danzer hat mir dieses neue Selbstwertgefühl wohl eingeimpft...

© Norbert Netsch 2020-08-08

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