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#wahrheit#freiheit#liebe

Gerald Netzl - Tränen in den Augen

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Gerald Netzl - Tränen in den Augen | story.one

Jeder Podcast hat seine besonderen Momente, wo Wahrhaftigkeit und Gefühle sich plötzlich verdichten und die Hörer*innen nicht nur berührt werden, sondern auch etwas mitgeteilt wird, das die jeweilige Aufnahme besonders macht.

Bei Gerald Netzl war einer dieser Momente, als er über das Schicksal des Mädchens Hedy Blum erzählte, die 1942 kurz vor ihrem elften Geburtstag ermordet wurde. Der engagierte Geschichtsforscher und Antifaschist recherchiert in diversen Archiven, um Opfer des Nationalsozialismus aus seinem Wohnbezirk zu finden, damit er dann Gedenksteine für sie verlegen lassen kann. Nach Hedy Blum wurde einige Zeit später auch ein Weg in Liesing benannt. Sogar auf Wikipedia gibt es einen Artikel über sie.

All das ist Gerald Netzl zu verdanken, der im Klassenbuch der Volksschule Atzgersdorf ihren Namen entdeckte. Wissenschaftliche Forschung und persönliche Betroffenheit müssen sich eigentlich ausschließen. So wie ein Arzt kann auch ein Historiker nicht über jeden Todesfall persönlich trauern, weil man das einfach nicht aushält. Distanz ist in diesem Fall ein reiner Selbstschutz.

In besonderen Momenten passiert es dann aber doch. Gerald Netzl hat selbst Töchter und kann sich das persönliche Leid einer Elfjährigen, die zunächst aus ihrem Klassenverband in eine Judenschule versetzt wird und dann deportiert und ermordet wird, gut vorstellen.

Wenn wir in der Kriegsberichterstattung in den Hauptnachrichten von einigen Toten, hunderten Toten oder auch tausenden Toten hören, können wir das Abendessen meist problemlos fortsetzen. Wird das Schicksal von einem Menschen beleuchtet und lernt man diesen dadurch etwas näher kennen, steigt die Betroffenheit.

Gerald Netzl hat das mit diesem Moment geschafft. Es ist eine unfassbare Ungerechtigkeit, wenn durch Krieg und Verfolgung auch nur ein Mensch sein Leben verliert. Das vergessen die politisch Verantwortlichen gern, wenn sie Waffen in Kriegsgebiete liefern oder überhaupt Fäden ziehen, die in einen Krieg führen.

Es werde dann nicht nur meist junge Soldaten gezwungen, bewaffnet aufeinander loszugehen, es wird auch das Leben von Zivilisten, die oft gar nichts vom Krieg wissen wollen, zerstört.

Die Geschichtsforschung zeigt all die Missstände akribisch auf, die in verhängnisvolle Kriege geführt haben. Sie bemüht sich im Idealfall um Sachlichkeit und Objektivität.

Obwohl ich selbst Lehrer für Geschichte bin, gefällt mir aber die persönliche Betroffenheit viel besser. Sie lehrt uns nämlich, dass sich hinter all den Zahlen und Statistiken Menschenleben verbergen. Menschen, die wie wir gern gelebt hätten, um zu lachen, zu weinen, nachzudenken, Fehler zu machen und zu lernen.

Krieg kann durch echte Betroffenheit, wie sie uns Gerald Netzl gezeigt hat, verhindert werden. Sie muss in unseren Herzen so groß werden, dass auch die ärgste Propaganda an ihr abprallt.

© Norbert Netsch 2022-07-13

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