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Harald Mally – der Pfarrer

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Harald Mally – der Pfarrer | story.one

Als nicht katholischer und überhaupt wenig religiöser Mensch war ich auf das Gespräch mit Pfarrer Harald besonders gespannt und wurde sehr überrascht: Er sagte keinen Satz, den ich nicht sofort unterschreiben könnte. So auch die Wahl des bestimmten Artikels und nicht des unbestimmten im Titel: So sollte ein Pfarrer meiner Meinung nach sein.

Aus seinem ganzen Wesen strahlt kein kirchliches Dogma, sondern nur die reine Menschlichkeit. Er zeigte mir seine bescheidene Wohnung, in der vor kurzem noch Flüchtlinge gelebt hatten und am Weg dorthin übergab er einer Reinigungskraft der Pfarre einen Strauß Blumen, weil sie Geburtstag hatte, und er sich bei dieser Gelegenheit für ihre Arbeit herzlich bedanken wollte.

Was würde er gern in der Kirche durchsetzen? Frauen müssten hohe Ämter erlangen können, meinte er darauf spontan. Damit würde er gleich eines der größten Probleme lösen, das ich selbst mit der katholischen Kirche habe: Warum werden Frauen diese Ämter verwehrt? Wer kann das in unserer zum Glück immer offener werdenden Zeit noch verstehen?

Pfarrer Harald ist auch Musiker, spielt das Akkordeon und singt gerne Wiener Lieder. Wenn es sich ergibt, auch in einem Bierzelt am Kirtag. Damit gewinnt er die Herzen der Menschen, die nicht in die Kirche kommen, um seine Predigten zu hören, die er sich übrigens immer gut überlegt und gerne mit aktuellen Bezügen versieht.

Ich stelle es mir schön vor, wenn man an einer Predigt arbeitet, sie dann auch hält und vielleicht danach positive Rückmeldungen bekommt. Als Lehrer geht es einem ähnlich bei der Vorbereitung des Unterrichts, wenn auch der Inhalt des Unterrichts nicht immer so tiefgründig ist.

Meine größte Hochachtung gilt allerdings der Seelsorge. Der Pfarrer wird zu Menschen gerufen, denen es schlecht geht, und sie erwarten sich von ihm positive Energie, und das muss er oft nicht einmal, sondern durchaus auch mehrmals am Tag leisten. Wie schafft man es, so viel zu geben? So viel Leid zu sehen und dabei nicht selbst Schaden zu nehmen? Ist das die göttliche Kraft? Ich würde das nicht können.

Die Kirche leistet auch viel in der Jugendarbeit. Erwachsene erinnern sich gerne mit leuchtenden Augen an ihre Jungscharlager, wo man nicht nur andere Menschen gut kennenlernt, sondern auch den so wichtigen Zusammenhalt. Man soll füreinander, aber auch für andere Menschen da sein.

So wird in der Pfarre viel für die Flüchtlingsarbeit geleistet. Pfarrer Harald zeigt mir Berge von Lebensmittelspenden, die aber auch an andere bedürftige Menschen weitergegeben werden.

Man geht von so einem Gespräch schon etwas beschämt nach Hause und fragt sich, was man eigentlich selbst für andere Menschen tut. Pfarrer Harald fragt andere nicht danach, und er fordert auch nichts mit erhobenem Zeigefinger. Er lebt einfach vor und wird so für viele Menschen zu einem wichtigen Vorbild. Er spricht nicht nur von Nächstenliebe, er lebt sie aus ganzem Herzen. Und das spürt man. Auch, wenn er singt.

© Norbert Netsch 2021-08-22

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