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Henriette Al-Shaban - die Zuagraste

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Henriette Al-Shaban - die Zuagraste | story.one

Als Zuagraste bezeichnet man vielerorts zugezogene Menschen. Man muss nicht von weit kommen, um zuagrast zu sein. Henriette Al-Shaban wurde im Burgenland geboren, ist vor ĂŒber 30 Jahren nach Wien gezogen und fĂŒhlt sich dort immer noch als Zuagraste.

Sie besitzt nach wie vor ihr Haus im Burgenland. FĂ€hrt sie dorthin, spĂŒrt sie genauso ein HeimatgefĂŒhl wie auf der Fahrt nach Wien, wenn sie in die Gassen ihrer Wohnumgebung einbiegt. Ihr Mann stammt aus PalĂ€stina und ist damit auch ein Zuagraster. So ist es zu erklĂ€ren, dass Frau Al-Shaban das BedĂŒrfnis hatte, mit anderen Zugezogenen in Kontakt zu kommen, um sich mit ihnen auszutauschen.

Ich habe zu diesem Thema mit ihr einen Podcast gemacht, ich habe darĂŒber in meiner Zeitung geschrieben und das Echo war ĂŒberraschend gering. Offensichtlich ist das BedĂŒrfnis nicht sehr groß unter Zuagrasten, sich miteinander auszutauschen.

Im Wesentlichen gibt es wohl zwei Gruppen: Die einen wollen sich möglichst rasch integrieren und die anderen suchen sich eine Community von Menschen, die aus demselben Land kommen, um sich gegenseitig zu unterstĂŒtzen.

Wer sich integrieren will, muss die Sprache der Gruppe beherrschen, wo er sich integrieren will, damit ist wohl auch der regionale Dialekt gemeint, und es ist sehr förderlich, wenn man in Vereinen oder Vereinigungen mitarbeitet, um sein Engagement fĂŒr die Region zu zeigen. Dann geht es oft sehr schnell, wie man an den verzweifelten Versuchen vieler BĂŒrger*innen sieht, die sich dafĂŒr einsetzen, dass jemand nicht abgeschoben wird, der erst kĂŒrzlich zugezogen ist, sich also gut integriert hat, aber ohne Bleiberecht ist.

Ich selbst bin seit 20 Jahren ein Zuagraster in KĂ€rnten, wo ich einen Zweitwohnsitz habe. Ich wurde von vielen Heimischen sehr herzlich aufgenommen und fĂŒhle mich dort schon genauso zuhause wie in Wien. Mein BedĂŒrfnis ist aber da und dort nicht allzu groß, eine intensive Kommunikation mit möglichst vielen Menschen aufzunehmen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum es fĂŒr Henriette Al-Shaban nicht so recht gelingen will, dass sich viele Menschen fĂŒr den Austausch unter Zuagrasten interessieren. Vielleicht wird immer weniger unter den Menschen kommuniziert, da man zunehmend den eigenen Interessen nachgeht und sich zu wenig Zeit fĂŒr den anderen nimmt. Vielleicht war das frĂŒher besser, als man noch mehr auf die anderen angewiesen war und sich allein nicht so gut unterhalten konnte. Ich weiß es nicht.

Sollte es so sein, weiß ich auch nicht, ob das gut oder schlecht ist. In absehbarer Zeit wird es möglich sein, dass Menschen in einer digitalen Wolke mit selbst bestimmten Avataren ein Leben nach beliebig erstellten Inhalten leben können, um in völliger Zufriedenheit zu existieren. Soweit sind wir noch nicht, aber viele nĂ€hern sich unmerklich diesem Zustand und wĂŒnschen sich nichts anderes als mehr davon.

Frau Al-Shaban möchte Menschen zusammenbringen und so gegen die verbreitete Egozentrik wirken. Vergeblich?

© Norbert Netsch 2022-07-19

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