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Meine größte Niederlage

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Meine größte Niederlage | story.one

Eigentlich hätte ich nach den Interviews mit Heller und Danzer Zeitungsredakteur werden sollen. Über einen Bekannten meiner Eltern erhielt ich einen Kontakt zur Tageszeitung "Die Presse" und durfte Texte schicken, um mich zu bewerben. Sie hätten mich für die Chronik auch genommen, was ich allerdings empört ablehnte, da ich gleich im Feuilleton schreiben wollte. Kluge Freunde von mir sind den Weg über die Chronik gegangen und später tatsächlich im Feuilleton gelandet.

Ich beschloss hingegen, eine eigene Zeitung zu gründen. Wenig bescheiden nannte ich sie gleich "Optima" und bat meinen Onkel, denselben, der mit meinem Vater den Verkaufsstand bastelte, den Namen Optima mit Tusche für die Titelseite zu schreiben. Das tat er auch und der Name sah wirklich gut aus, aber ich hatte keine Ahnung, was ich in "die Beste" eigentlich schreiben sollte. So erschien diese Zeitung auch nie.

Die Matura stand vor der Tür, und ich hätte andere Sorgen haben sollen, die ich mir aber einfach nicht machte.

Für Deutsch wollte ich keine Bücher lesen und in Geographie unterrichtete mich mein Klassenvorstand, der mich mit Recht nicht leiden konnte. Ich war ein sehr fauler Schüler (er meinte, eine "Netsch" könnte als Maßeinheit für die minimale Anstrengung definiert werden, die man benötigt, um durch die Fichtnergasse zu kommen) und auch sehr undiszipliniert. Später wurde ich selbst Lehrer und dachte immer wieder, dass es nur gerecht wäre, auch solche Schüler zu bekommen, wie ich selbst einer war. Tatsächlich ist das nie passiert. Das Leben ist eben nicht immer gerecht.

Mein Deutschlehrer gab gerne Schularbeiten, für die man Bücher lesen musste, die ich aber nie gelesen hatte. So schrieb ich auf die letzte dreistündige Schularbeit ein eigenes Thema mit dem sperrigen Titel "Von der Unsinnigkeit, immer Literaturthemen zu geben". Wenig überraschend bekam ich auch auf diese Schularbeit ein Nicht genügend und wurde in Deutsch negativ in der 8. Klasse abgeschlossen. Diese Note konnte man sich damals mit einem sogenannten Zusatz bei der mündlichen Matura ausbessern.

Mein Klassenvorstand wollte mir auch noch eins auswischen. Da ich bei ihm in Geographie antreten musste, sagte er mir voller List die Fragen, die er mir bei der Matura geben würde: Im Bereich Österreich würde er mich über das "Klagenfurter Becken" prüfen und mein Spezialgebiet Asien könnte ich mit "Israel" abdecken. Tatsächlich fragte er mich dann zum Thema Österreich "Die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur" und über Asien "Das chinesische Hochplateau". Auch beim Wiederholungstermin setzte er das Spiel fort: Er sagte mir, dass ich bei den Alpen die Pässe nicht lernen müsste und begann mich, als er merkte, dass ich den Stoff beherrschte, doch die Pässe zu prüfen. Da brach der Vorsitzende allerdings die Prüfung ab und meinte, dass es schon reiche...

Das Scheitern bei der Matura blieb aber trotzdem meine größte Lebensniederlage, die mir sehr lange zu schaffen machte.

© Norbert Netsch 2020-08-08

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