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Nach Niederlagen steht man auf

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Nach Niederlagen steht man auf | story.one

Bei der Matura schloss ich mündlich mit zwei Nicht genügend ab. Wir standen in einer Reihe. Alle, die es geschafft hatten, wurden aufgerufen und durften einen Schritt nach vorne machen. Zuletzt stand ich als einziger einen Schritt weiter hinten. Ein Bild mit Symbolkraft.

Auch wenn man wenig lernt, glaubt man als naiver Schüler, dass man es irgendwie doch schaffen werde. Später - als ich selbst Lehrer war - konnte ich mich in meine SchülerInnen deshalb sehr gut hineinversetzen, wenn sie in einer ähnlichen Situation waren.

Mein Zeitungsprojekt war ebenfalls gescheitert. Im Herbst inskribierte ich als außerordentlicher Schüler wenig überraschend Publizistik und spürte bereits nach der ersten Vorlesung, dass dieses Studium zu mir so gar nicht passen wollte. Daher blieb es auch bei diesem einen Besuch.

Im Jahresbericht der Fichtnergasse war es 1978 üblich, dass die Maturanten ihre Berufswünsche nannten. Ich schrieb damals hochtrabend "Schauspieler und Schriftsteller". So kam es auch nicht selten vor, dass mich ehemalige MitschülerInnen ironisch danach fragten, ob ich schon ein Engagement hätte oder wann das erste Buch erscheinen würde.

Als außerordentlicher Student fühlt man sich nicht als Student und als noch nicht fertiger Maturant auch nicht mehr als Schüler. Man befindet sich in einem Niemandsland. Das ehemals lästige Kümmern der Schule fehlt. Ein Verlassenheitsgefühl stellt sich ein.

In dieser Phase passierte das, was ich am wenigsten gedacht hätte. Ich begann zu lesen. Die sozialen Kontakte wurden geringer und sonst hatte ich auch nicht viel zu tun. So schien es sinnvoll, sich wenigstens auf die Nachmatura vorzubereiten und dafür musste ich in erster Linie die Bücher für Deutsch lesen, die ich in meiner Schulzeit nie gelesen hatte. Zu meiner eigenen Verblüffung machte mir das Lesen immer mehr Spaß und ich suchte in der Literatur nach Geistesverwandten, die ähnliche Gefühle, wie ich sie hatte, wesentlich treffender ausdrücken konnten.

Vor der Nachmatura gab es nicht das gemeinsame Zittern, nach der Prüfung nicht das gemeinsame Feiern, so blieb dieses Ereignis einfach traurig. Danach inskribierte ich im Sommersemester Theaterwissenschaften und Soziologie. Keine Ahnung, warum ich auf diese Idee kam. Ich besuchte diesmal keine Vorlesungen. Im Herbst darauf begann ich einen Abiturientenkurs, wo man fünf Jahre Handelsakademie in einem Jahr schaffen konnte. Für mich galt das nicht, ich brach den Lehrgang schon im November ab.

In dieser krisenhaften Situation beschloss ich Philosoph zu werden und im Sommersemester mit Philosophie zu beginnen. Meine damalige Freundin und spätere Frau riet mir, doch wenigstens ein zweites Fach zu inskribieren, damit ich Lehrer werden könnte, falls das mit der Philosophie allein nicht klappen sollte. Eine Idee, die ich damals absurd fand. Da ich immer noch gerne las, inskribierte ich zusätzlich Germanistik und blieb meiner Frau für diesen Tipp ein Leben lang dankbar.

© Norbert Netsch 2020-08-08

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