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Was bin ich?

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Was bin ich? | story.one

Die Fernsehsendung meiner Kindheit hieß "Was bin ich?". Ein "heiteres Beruferaten" mit Robert Lembke, das bis zu seinem Tod 1989 nahezu in unveränderter Form ausgestrahlt wurde.

So verliehen hunderte Folgen meiner Kindheit Kontinuität. Ich weiß nicht, wann ich die erste gesehen habe - bestimmt nicht 1961 als Einjähriger. Ich weiß auch nicht, wann die letzte. Irgendwann in den Siebzigerjahren. Ihren großen Dienst an meinem Leben hatten sie damals aber schon längst erfüllt.

Robert Lembke erschien mir in den Sechzigerjahren alt, war er doch schon über 50. Damals war es nicht ungewöhnlich, wenn man in seinen Sechzigern bereits starb. Auch das Rateteam mit einem Oberstaatsanwalt, einer Adeligen und dem Unterhaltungschef des Schweizer Fernsehens war an Trockenheit kaum zu überbieten. Als vierte im Bunde wirkte die Schauspielerin Marianne Koch wie eine Jugendliche, obwohl sie auch schon an die 40 war.

Wo lag nun die Faszination dieser Sendung für mich? Man lernte eine große Anzahl von Berufen kennen und fragte sich - gerade als Kind - welcher Beruf für einen selbst wohl am besten passen könnte. Ich merkte damals nicht, dass es nur ein einziger Beruf war, der tatsächlich in jeder Sendung vorkam. Mir war auch nicht bewusst, welche Person in dieser Sendung mein großes Vorbild war. Ich hätte es nicht geglaubt.

Ich habe diesen Beruf damals noch gar nicht gekannt und erst wenige Jahre später für mich entdeckt. Übrigens schade, dass ich ihn niemals hauptberuflich ausgeübt habe.

Wie so viele Lehrer wurde ich Lehrer, weil es mit eben diesem Traumberuf nicht klappen wollte. Fragen Sie Lehrer, was sie eigentlich werden wollten: Fast jeder wird einen anderen Beruf nennen. Ich mache dieses Spiel schon seit 35 Jahren und habe noch keine zehn Lehrer getroffen, die in ihrer ersten Berufswahl arbeiten. Trotzdem lieben dann viele - so wie ich - ihren Beruf, der mit der Zeit auch tatsächlich zur Berufung werden kann.

Ich wusste als Kind nicht, dass Robert Lembke ursprünglich Zeitungsjournalist war und dass er 1945 gemeinsam mit Erich Kästner "Die Neue Zeitung" in München gründete, die immerhin zehn Jahre lang erschien. Er war also nicht nur Moderator, sondern auch Zeitungsmacher. Genau das strahlte er wohl aus, der auch Geschäftsführer des Deutschen Olympiazentrums, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, stellvertretender Programmdirektor der ARD und Regisseur für die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 war. Was - für - ein - Gigant! Der Mann, der wie ein pensionierter Buchhalter aussah und Münzen in Porzellanschweinchen warf.

Er erwarb 1954 selbst von der BBC die Rechte für "Was bin ich?" und überlegte sich an der Spitze seines Redaktionsteams genau, welche Berufe und Stargäste am besten für die Sendung wären. Als Zeitungsmacher und begnadeter Organisator wurde er mein zunächst unerkanntes und natürlich viel zu großes Vorbild - Persönlichkeit wirkt offenbar unergründlich.

© Norbert Netsch 2020-08-06

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