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Zeitungsmacher in der Verbannung

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Zeitungsmacher in der Verbannung | story.one

Ich war ein renitenter Schüler und brauchte auch als junger Lehrer noch einige Zeit, bis ich mit Autoritäten zurechtkam. Am Beginn meines zweiten Dienstjahres teilte mir eine Personalvertreterin mit, dass ich mich jetzt entscheiden müsste, welcher Fraktion ich beitrete. Das nahm ich nicht ernst. "Wenn du in den nächsten Wochen nicht irgendwo Mitglied wirst, nehmen wir dir deine Unterrichtsstunden wieder weg!"

Das war dann tatsächlich so und zwei Wochen später hatte ich nur noch eine Klasse und die restliche Zeit musste ich in der von allen LehrerInnen ungeliebten Nachmittagsbetreuung verbringen, wo man nur die Hälfte pro Stunde bezahlt bekam und unter widrigen Umständen Dinge machen musste, die man im Studium nie gelernt hatte.

Die Kinder waren wirklich arm. Sie wurden in Klassenräumen lediglich aufbewahrt, vorher stundenlang warm gehaltenes Essen wurde in diesen Räumen zu Mittag ausgegeben, das Geschirr nur in Plastikbehältern notdürftig abgeschwemmt und die wenigen Spielsachen wurden in dieser Atmosphäre rasch kaputt gemacht. Neue gab es dann bis zum Beginn des nächsten Schuljahres nicht mehr. Ich wollte in meinem jugendlichen Überschwang allen Kindern helfen, die in der schulischen Nachmittagsbetreuung untergebracht waren. So gründete ich die Zeitung "Forum Nachmittagsbetreuung", die über die Landesschulräte an Schulen mit Nachmittagsbetreuung in Österreich, Deutschland (auch in der DDR) und der Schweiz gratis verteilt wurde.

Die Themen der Zeitung waren klar, Werbung machten Firmen, die Produkte für die schulische Nachmittagsbetreuung verkauften, und Beiträge für den Erfahrungsaustausch sollten von den Schulen kommen. Endlich war ich Zeitungsmacher.

Die Sache hatte nur einen Haken: Die Zeitung wurde selten gelesen. So bekam ich nur einen Beitrag aus der Schweiz, einen aus der BRD und einen aus der DDR. Aus Österreich wurde kein einziger Beitrag geschickt. Zunächst dachte ich, es wären Anlaufschwierigkeiten. Nach vier Jahren gab ich schließlich enttäuscht auf.

In meiner eigenen Schule konnte ich zwar viele Ideen gut umsetzen, aber mein Sendungsbewusstsein stieß auf keinen fruchtbaren Boden. Da nützten auch meine Vorträge nicht, zu denen ich eingeladen wurde, und ein Lehrauftrag am damaligen Pädagogischen Institut ebenso wenig. Diese Zeitung wollte einfach niemand lesen. Man schreibt aber doch meist, um gelesen zu werden. Da die Zeitung über die Landesschulräte verteilt wurde und Werbung an Schulen damals noch verboten war, hatten viele Firmen Interesse, die sehr kostengünstigen Inserate zu schalten. So konnte ich den Druck der Zeitung leicht finanzieren.

Selbst das gewonnene Ansehen als Lehrer, der Zeitungsmacher war, konnte mich darüber nicht hinwegtrösten. Eine gut finanzierbare Zeitung herauszugeben, die niemand lesen wollte, erschien mir auf Dauer entwürdigend. Dann lieber eine schlecht finanzierbare, die wenigstens einige lesen...

© Norbert Netsch 2020-08-09

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