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Zilks Hilfe beim Blick

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Zilks Hilfe beim Blick | story.one

Als ich eine 5. Klasse in Geschichte bekommen hatte, überlegte ich mir ein größeres Projekt, das wieder mit einer Zeitungsgründung zusammenhing. Meine SchülerInnen sollten ältere Menschen in der Umgebung interviewen und deren Geschichten in einer Zeitung mit alten Ansichten veröffentlichen. Der Titel der neuen Zeitung wurde von meiner Mutter rasch gefunden: Der Blick in die Vergangenheit von Mauer. Den Zeitungstitel zeichnete wie bei der "Forum Nachmittagsbetreuung" mein Vater und es konnte schon losgehen.

Wegen der Finanzierung wandte ich mich an den damaligen Wiener Bürgermeister Zilk, der mich vorher schon bei der Durchsetzung eines Schülertutoren-Projekts im Stadtschulrat grandios unterstützt hatte. Er war ein Politiker mit absoluter Handschlag-Qualität und fern von ideologischen Interessen für die Anliegen der Bürger da.

Zilk organisierte für mich ein Inserat der Stadt Wien und eines der Bank Austria und so konnte ich das erste Heft in einer Auflage von 5000 Stück drucken und in Mauer verteilen lassen. Meine Schule liegt ja auch in Mauer, in der Anton Krieger Gasse, die nach einem ehemaligen Maurer Bürgermeister benannt wurde.

Der Erfolg war grandios. Ich legte einen Zettel bei, auf dem stand, dass man die nächsten drei Hefte bekommt, wenn man 100 Schilling mit dem beiliegenden Zahlschein einzahlt. Von 5000 Haushalten zahlten über 900 ein.

Wir gaben die Zeitung vier Jahre bis zur Matura heraus. Es lief gar nicht so schlecht, wenn man davon absieht, dass keine neuen Interessenten für die Zeitung dazukamen, aber jedes Jahr einige starben, da es doch mehr ältere Menschen waren, die sich für dieses Thema interessierten. Da immer nur die gleichen paar hundert Menschen die Zeitung lasen, war sie für Inserenten nicht interessant. Auf ihre Werbung gab es nämlich kaum einen Rücklauf.

Das Interesse der treuen LeserInnen war allerdings groß. Sie stellten Geschichten und alte Ansichten zur Verfügung und die Zusammenarbeit zwischen älteren Menschen und SchülerInnen kam auch sehr gut an.

Nach vier Jahren war ich mir sicher, dass ich wieder eine 5. Klasse in Geschichte bekommen würde. Das war aber nicht so. In der Schule gilt das sogenannte Senioritätsprinzip. Eine ältere Kollegin wollte die Klasse in Geschichte und bekam sie auch. So stand ich ohne Klasse da und setzte die Arbeit an der Zeitung noch ein Jahr allein fort. Jetzt machte die Sache für mich aber doch weniger Sinn und außerdem musste ich mangels Inserate immer mehr eigenes Geld in das Projekt stecken.

Aus diesen Gründen erschien die Zeitung insgesamt nur fünf Jahre und ich musste mich auch von diesem Projekt wieder verabschieden. Zu allem Überfluss nahm ich zuletzt noch einen Kredit auf, um das überzogene Konto der Zeitung wieder auszugleichen. Ich war also ein zweifach gescheiterter Zeitungsmacher, der immerhin viele Erfahrungen sammeln durfte. Vermutlich auch ein Grund dafür, dass ich mit meinem dritten Versuch endlich erfolgreich war.

© Norbert Netsch 2020-08-10

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