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#narzissmus#toxisch#verzweiflung

Märchenprinz und Kröte

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Märchenprinz und Kröte | story.one

ER. Groß gewachsen, gut einen Kopf größer als sie mit ihren 1,70 m. Schlank. Blonde Haare. Blaue Augen. Etwas bubenhaftes an sich. Dann gleich wieder großen Ernst ausstrahlend. In Gesellschaft verhielt er sich eine Zeitlang sehr ruhig, beobachtend, unnahbar. Dann kam sein Moment: eine kleine Pause nutzend trug er seine Meinung zu dem Thema bei. Er führte aus, verband jeden Satz mit lateinischen Phrasen und zelebrierte seine Schlußfolgerungen. Die Umstehenden lauschen gefesselt. Niemand fällt ihm ins Wort. Allzu faszinierend umgarnt er den Kern des Themas, verweist auf seine Erfahrung, auf die Logik und den elementaren Teil. Niemand sonst erhebt das Wort. Wie denn auch. Denn er redet und redet und redet. Die anderen haben längst vergessen, worum es in ihrem Gespräch überhaupt ging. Wenn jemand den Versuch wagt, eine andere Idee einzubringen oder gar die Schlußfolgerung anzuzweifeln, dann hat der andere nur zwei Möglichkeiten. Den Redner zu unterbrechen (was sich die wenigsten trauen) oder aber in noch umfangreicherem Latein gegenzuhalten.

Natürlich gibt es auch eine treue Gefolgschaft. Die an seinen Lippen hängt und ihn bei jedem Atemzug um seine Meinung fragt. Das kostet ihn meistens nur ein herablassendes Lächeln, eine wegwischende Bewegung. Und oft genug wird einem der Rücken zugekehrt.

Doch den blinden Augen von IHR ist das entgangen. Fasziniert von seinem großartigen Wissen, seiner Beurteilung der Menschheit, seiner Darstellung war sie unglaublich erstaunt, daß dieser Mann an IHR Interesse zeigte. Er umwarb sie, war aufmerksam und zurückhaltend. Las ihr alle Wünsche von den Augen ab. Mit ihm fühlte sie sich gut, stark, begehrt und unglaublich glücklich. Immer wieder wunderte sie sich, daß dieser tolle, wunderbare Mann sie kleines Mauerblümchen beachtet und sogar zur Frau genommen hat. Welch unverschämtes Glück sie doch hatte, daß sie diesem Märchenprinzen begegnet war.

Verheiratet. Sein Elternhaus. In den 70ern steckengeblieben. Klein, dunkel und gar nicht heimelig. Aber naja, ist halt eine Männerbude. Ihre Erbschaft nach Vaters Tod. Natürlich bringt sie sich vollstens in diese Ehe ein. Wenn sie schon das Glück hat, solch einen Traummann zu haben, dann strengt sie sich an, ihm alles recht zu machen. Ihn zu verwöhnen und ihm alle seine Wünsche zu erfüllen. Sie lernte, daß alle Gegenstände von ihm und seiner Familie wertvoll waren. Und sei es nur ein abgebrochener Holzkochlöffel. Hingegen war alles von ihr und ihrer Familie der größte Mist. Nutzlos und sinnlos. Und dadurch frei gegeben, mutwillig bei einem Wutanfall zerstört zu werden.

Was war der Auslöser, daß sie plötzlich nur noch die “Depperte” tituliert wurde, daß ihm ihre Kleidung nur noch ätzende Bemerkungen herauslockte. Daß er sich für sie in Gesellschaft genieren mußte, für ihr Aussehen, ihre Blödheit, ihr allgemeines Nichtskönnen. Die Angebetete mutierte zu einem ständig weinenden, fahrigen Nervenbündel.

Und die Kröte triumphierte.

© P-Hildegardsen 2021-07-22

Toxische Beziehungen. Narzissmus.toxische Beziehungen

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