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#1sommer1buch

Das Löffel- Drama

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Das Löffel- Drama | story.one

"Nimm den Löffel aus dem Häferl", mahnte die Mutter, als sie ein schmales glänzendes Rinnsal aus Tee über Birgits Wange in Richtung Pyjama laufen sah. Der Wunsch der Mutter wurde von der Fünfjährigen beflissentlich ignoriert und die Flüssigkeit nahm weiter ihren Weg über das Kindergesicht. Birgits Vater, ebenfalls Zeuge der Szene, aß ruhig weiter, was die schon etwas gereizte Mama zu dem Ausruf verleitete:"So sag doch auch mal was, Franz". Der so Einbezogene wollte wortlos dem Drama ein Ende setzen und sich den Löffel aus dem Häferl schnappen. Dabei stieß er unsanft, aber eigentlich unabsichtlich, an Birgits Wange. Das Mädchen, das seinen Vater immer als ruhig, liebevoll und besonnen wahrgenommen hatte, fühlte sich tief verletzt und flüchtete sich gekränkt ins Bett. Es sei angemerkt, dass ihr ein gewisses theatralisches Talent in die Wiege gelegt war. Alles täte ihr weh, so jammerte sie und ließ den Vater schuldbewusst zurück. Seine Reaktion tat ihm unendlich leid, so leid, dass diese Begebenheit später immer und immer wieder in Familienrunden erzählt wurde. Sogar Birgits erwachsene Kinder kennen die Geschichte.

Warum ich sie erzähle? Weil ich von Birgits Vater so beeindruckt bin. Im Gegensatz zu meinem Vater der zuschlug, ohne dass ich je ein Wort des Bedauerns gehört hätte. Von Birgit weiß ich, dass ihr Vater eines jener Kinder waren, die viel geschlagen wurden. Das wurde mein Vater auch . Birgits Vater gab die Schläge nicht weiter. Kindheitserlebnisse prägen, der liebevolle , sanftmütige Vater lebt in Birgit weiter, das habe ich heute gesehen, wie ihr, beim Erzählen der Löffelgeschichte- die Tränen in Gedanken an den Vater- in den Augen glänzten.

© PANSILVA 2020-09-02

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