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#zwischenmenschliches#ressourcemensch

Der Alte sinniert

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Der Alte sinniert | story.one

Vielleicht wollte ich mich nur wieder einmal vor der Verantwortung oder vor einer Entscheidung drücken.

Eine Wesensart, die ihn ziemlich lange in seinem Leben begleitet hatte. Wie er sie letzten Endes losgeworden war, oder besser gesagt, in den Griff bekommen hatte, wartet noch heute auf eine Entschlüsselung. Entscheidungen zu treffen, war auch jetzt, trotz seines eher fortgeschrittenen Alters noch immer nicht „sein Metier“. Er ging diesen Dingen zwar nicht mehr so oft aus dem Weg, aber erfreuen konnten ihn solche Situationen überhaupt nicht. Auf ähnliche Weise hasste er jegliche Art von Konflikten. Beginnend mit den Auseinandersetzungen zwischen Schwester und Vater, bei denen er schleunigst das Zimmer verlassen musste, da ihm sonst das Gefühl überkam, er müsse zerspringen.

Diese Streitereien taten ihm körperlich weh, er drohte zu ersticken, seine Haut zog sich um ihn zusammen. Es war, als würde ihn die Situation mit eisernen Bändern fesseln. Er musste raus aus dem Raum, aus dieser für ihn so bedrohlich erscheinenden Lage.

Gott sei Dank hatte er sich immer so weit im Griff, dass niemand etwas merkte. „Gott sei Dank?“, fragte er sich. „Was habe ich mir durch diese Schauspielerei alles angetan?“

„Eigenartig“, ging es ihm durch den Kopf, „wenn ich mir diese Dinge jetzt in mein Gedächtnis rufe, die Ribiselstauden, die Streitereien, das Reißausnehmen vor Entscheidungen, bereiten sie mir keine Angst mehr. Über Jahre hinweg, ja fast mein ganzes Leben lang, haben sie wie eine drohende Hand über mir gethront, schwebten Totenvogel gleich über mir, und haben die wohligsten Momente dunkel eingefärbt“.

Irgendetwas hatte jenen Gedanken ihren Schrecken genommen. Sie haben ihren schalen Beigeschmack verloren. Er überlegte, was es war, was der Auslöser seiner Erleichterung gewesen sei? Es war nicht „irgendwas“, es war er selbst. Ein gutes Gefühl. Er hatte doch tatsächlich diesen bedrohlichen Berg an Vorstellungen und Vorurteilen von seiner Seele geschaufelt, oder hinter sich gelassen. Wie auch immer, er hatte mittlerweile freie Sicht auf jede Menge interessanter Dinge. Ein sattgrünes Blatt segelte vom Nussbaum und legte sich anerkennend, zumindest schien es dem Alten so, auf seine Schulter. Es ist ein exzellentes Gefühl, an dunkle Tage denken zu können, zu erfahren, wie sie mit der Zeit immer heller werden, bis sie letztendlich all das Bedrohliche ihres Wesens verlieren und nicht mehr darstellen, als sie sind: Erinnerungen, die nun an jenem Ort stehen, den das Leben für sie bereitgehalten hat.

Eigentlich habe ich meinen Kopf nur ein wenig gehoben, und schon hat sich mein Horizont merklich verändert. Er nahm das Blatt, das vom Baum auf seine Schulter gefallen war, und ging, es zwischen Zeigefinger und Daumen drehend, ins Haus. Sein Gang war aufrecht und fest. Kein Wunder, dachte er, einiges an Ballast ist an den Rändern der gegangenen Wege zurück geblieben.

© Peter Schwanter 2021-05-04

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