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Abgefärbt

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Abgefärbt | story.one

Das kleine Dorf in Uganda, vier Stunden von der Hauptstadt Kampala entfernt, mitten im Nirgendwo, bestand aus einer Ansammlung von Häusern und Hütten, einem Aids-Spital aka Baracke und dem “Kinderhaus”, in dem ich arbeiten sollte. Wobei der Begriff Kinderhaus irreführend ist. Es war ein braches Feld und eine aus Brettern gezimmerte Überdachung, um etwas Schatten zu bieten. Wände fehlten völlig, auch einen Zaun oder Ähnliches suchte man vergeblich. Ich glaube nicht, dass auf Luganda das Wort “Kindersicherung” existiert. Etwa 50 Kinder zwischen 1 bis 7 Jahren kamen jeden Tag selbständig aus der Umgebung zu uns. Manche wurden von Geschwistern getragen. Eine warme Mahlzeit täglich, jeden Tag Reis und Bohnen, das war der Anreiz.

Als ich ankam, sorgte das für einiges an Aufsehen. Ich fühlte mich wie ein weißer Wal, ein Albino-Elefant, ein mystischer Silberhirsch, eine Meerjungfrau in der Wüste. Ich wurde unverhohlen angestarrt. Für viele war es die erste Erfahrung mit so blassweißer Haut wie meiner. Meine blauen Augen sorgten selbst bei jenen für Erstaunen, die schon Erfahrungen mit Europäerinnen gemacht hatten.

Erst nach ein paar Wochen verloren die Kinder alle Berührungsängste und ich wurde gewissenhaft untersucht. Ein kleines Mädchen entdeckte ein Muttermal. Autsch. Sie versuchte doch tatsächlich den vermeintlichen Dreck abzukratzen. Ohne Erfolg. Ungläubig sah sie mich an. Gefolgt von kichern und für mich nicht verständlichem Geplapper. Schon versammelten sich mehr und mehr Kinder um mich herum, lachten und berührten meine Muttermale. Eine Mama erklärte mir etwas später, dass die Kinder meinten, ich würde mehr und mehr eine von ihnen, sie hätten wohl auf mich abgefärbt.

Und damit hatten sie recht, wenn auch auf andere Art als sie das vermuteten. Ihre Lebensfreude hatte auf mich abgefärbt, ihre Neugier auf das Unbekannte, ihre Offenheit, ihre Sorgfältigkeit mit der sie ihre kleine Welt sauber hielten, die Selbstverständlichkeit mit der sie in ihrem Dorf miteinander und nicht nur nebeneinander lebten. Und auch die Traurigkeit hatte abgefärbt, die ich manchmal in den Augen der älteren Kinder sah, wenn sie bemerkten, dass ich für jeden Tag der Woche ein eigenes T-Shirt hatte. Obwohl das meine sieben abgetragensten Shirts waren, die ich vor meinem Abflug schließlich alle verschenkte. Viele warnen einen vor einer solchen Reise vor dem bevorstehenden Kulturschock. Den habe ich nicht bemerkt. Ich durfte vom ersten Moment an einfach mitleben und war innerhalb weniger Tage voll angekommen. Wirklich arg war der Kulturschock als ich wieder nach Österreich zurückkam. Ich konnte wochenlang keinen Supermarkt betreten.

Ich bin zwar auch nach dieser Afrikareise schneewittchenweiß wie eh und je zurückgekommen, dafür hat meine Sicht auf die Welt etwas mehr Farbe bekommen. Ich hoffe seit dem, dass die Erde irgendwann überall so bunt sein wird, dass wir garnicht mehr bemerken, wenn wir wechselseitig abfärben.

© Pia Holter 2021-06-03

Afrika Schultexte - Lernen mit Spaß!

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