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Löwenmama vs. Gazelle

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Löwenmama vs. Gazelle | story.one

Da stehe ich nun. Mit einer ordentlichen Ladung Sand im Gesicht. Wie Microperlen von namenhaften Zahnpasten reinigt er meine Zahnzwischenräume. Ich weiß nicht, ob ich Konstanze diesen Mundhygienetipp weitergeben soll. Ich bringe keinen Ton heraus. Mit vollem Mund spricht man bekanntlich nicht. Ich drehe mich um und spucke das Zeug aus. Direkt vor die monotone Baumwollsockenträgerin. Im Abfalleimer habe ich eine Flasche Bier gefunden. Dem ehemaligen - ich vermute jugendlichen - Besitzer, dürfte der halbe Liter zu viel gewesen sein. Ein Maul voll ist noch darin. Kurz überlege ich, ob ich es wirklich tun soll. “Susanne, du bist grad im Zielsprint auf der Straße der Verlierer. Wenn du verlierst, dann schon richtig”, motiviere ich mich selbst. Ich schließe die Augen, setze die Flasche an und vernehme auch schon den Hopfengeschmack im Mund. Jetzt einmal ordentlich Gurgeln und dabei lasse ich Konstanze und Viola nicht aus den Augen. Ich will das Zeug nun Ausspucken. Plötzlich von hinten ein aufgeregter, stimmbruchartiger Schrei: “Achtung!" Zu spät um zu Reagieren. Mit voller Wucht kracht der lederne, offizielle WM-Fußball 2014, offiziell verarbeitet, gegen meinen Kopf. Anstatt zu Schlucken, spucke ich. Die Macht der Gewohnheit. Wieder einmal merke ich, dass Eva Kuchen nach oben will. Eva sehe ich im Augenwinkel Tränen lachen und die Situation mit ihrem Handy auf Video festhalten. Ja, in der Not erkennst du deine wahren Freunde. Einen letzten Rest Selbstachtung wollte ich mir erhalten. Ich gehe mit meiner Bierfahne auf Konstanze zu: “Das war so beabsichtigt”, wirke ich, offensichtlich nur auf mich, überzeugend. In ihrer Tragetasche erblickte ich eine Packung Zigaretten. Rote Packung mit schwarzer Schrift. Sie sehen genauso aus, wie jene, die ich vor meiner Schwangerschaft geraucht habe. Auf den heutigen Tag genau bin ich fünf Jahre rauchfrei. “Das musst du feiern”, unterstützt mich mein innerer Schweinehund. Ungezogen greife ich in ihren Tragebeutel, nehme mir eine Kippe heraus und zünde sie mit einem Steichholz an. “Viola,ich glaube, wir gehen jetzt ganz schnell nach Hause”, höre ich Konstanze sagen. Ich freue mich über den kleinen Sieg. “Schnell ist bei euch relativ. Ihr habt wohl Angst vor dem Passivrauchen", schmetterte ich ihnen entgegen und lächle dabei. Und kann nicht mehr aufhören zu Grinsen. Und plötzlich kann ich Fliegen….

© Pippi_Ring 2021-10-16

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