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#neugier#geheimnis#fantasie

Worte im Geäst

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Worte im Geäst | story.one

Wie wäre es, Worte hoch in einen Baum zu hängen, statt mit ihnen zu ringen und zu verlieren? Die Worte leuchteten da und dort auf, bildeten schöne Sätze, Girlanden aus buntem Papier.Es gäbe ein Rascheln und ein Raunen, ein zarter Duft wehte herüber.

Der dicke Mann sitzt immer an der gleichen Stelle auf einer Bank, mit dem Rücken an einen Zählerkasten gelehnt, Beine gespreizt, großer Bauch, wenig Luft, rosa Plastikpantoffel. Er sitzt und schaut.Dann ist er verschwunden. Niemand sieht ihn weggehen. Am nächsten Tag ist er wieder da.

Die Worte hoch im Baum zerren heute an ihren Verankerungen. Es säuselt und wimmert im Geäst. Dann hebt ein Brausen an und eine Geschichte reißt sich los, hebt ab und wird ganz groß.

Der Mann auf der Bank hat alles gesehen. Er bewegt die Lippen- er liest mit. Er zieht die rosa Pantoffel aus und winkt mit ihnen der Geschichte hinterher, die sich wogend und sich wandelnd wie eine Wolke von Staren an den Horizont zurückzieht.

Und dann ist die Bank leer. Und ist es seither geblieben. Die rosa Pantoffeln hat man entsorgt.

© Regine Stanzel 2021-05-03

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