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#naturwunder

Die Begegnung in der Dämmerung

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Die Begegnung in der Dämmerung | story.one

Ich fuhr durch das letzte Waldstück, bevor ich zu Hause ankommen würde und dachte über dies und das nach.

Plötzlich sah ich etwas im Lichte meiner Autoscheinwerfer. War da wirklich etwas am Waldrand oder waren es nur die Nebelfelder, die in der Herbstdämmerung im Moor aufstiegen?

Instinktiv fuhr ich langsamer und meine ganze Aufmerksamkeit richtete sich ganz auf diese Stelle.

Meine Sinne hatten mir keinen Streich gespielt. Ein Schatten kam aus der Deckung des Waldes hervor. Wie elektrisiert saß ich da. Ich hatte inzwischen angehalten und mein Gehirn gab sich Mühe, das, was ich da sah, zuzuordnen. Es war ein Tier, ein graues Tier, größer als ein Hund. Es hatte schlaksige, sehr lange Beine und lief, in einer Art Trab, relativ entspannt über die Straße. Ich konnte es nicht fassen! Was ich da im halbdunkeln aus dem Wald kommen sah, war… ein Wolf!

Erhaben schwebte der große Graue über die Straße. Dort angekommen schien es, als würde er wieder in den Dämmerfarben der Natur verschmelzen. Doch plötzlich hielt er inne, drehte seinen Kopf und schaute mir direkt in die Augen. Völlig gebannt schauten wir uns einen Moment lang an.

Dann löste der einsame Wolf den Zauber auf und verschwand im Wald. Ich fuhr an die Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte. Doch so sehr ich auch schaute, ich konnte ihn nirgends mehr sehen. Wie ein Waldgeist war er aufgetaucht und ebenso schnell wieder, im Schutze der Natur, verschwunden.

Ich war immer noch ganz benommen von der Intensität dieses Momentes. Es war das Gefühl, etwas Einzigartiges erlebt zu haben, vielleicht ein Wunder.

Als ich wieder zu mir kam, ärgerte ich mich, dass ich nicht daran gedacht hatte, alles mit dem Handy aufzunehmen. Aber es war gut so, denn das hätte die Magie zerstört und ich hätte Isegrim für alle Welt sichtbar gemacht.

So war es ein einzigartiger Moment, mein Moment mit dem Wolf. Nie war mir ein Jäger des Waldes so Nahe gewesen und nie hatte ich gesehen, wie so ein großes Tier, einzig durch die Färbung seines Felles, mit dem Wald verschmelzen kann.

An diesem Tag im Herbst wurde mir etwas bewusst. Wir wollen den Wolf nicht im Wald, denn er ist uns und unserer Zivilisation zu nah gekommen. Viele Menschen empfinden ihn als Bedrohung. Vor dieser Begegnung hatte ich mich selbst oft gefragt, wie gefährlich wohl ein Treffen mit ihm im Wald werden würde.

Doch nun verstand ich. Nicht der Wolf ist falsch im Wald, sondern wir Menschen sind es. Wir Menschen, mit unserem Lärm, unserem Gebaren und all unserem Müll. Wir sind die wahren Fremdkörper in der Natur und maßen uns gleichzeitig an, zu bestimmen, wer dort leben darf.

Manchmal sitze ich in der Dämmerung auf meiner Terrasse. Ich schaue in den Wald und weiß jetzt, dass der große Graue da irgendwo ist.

© Sabine Steinhoff 2021-05-05

POESIE eines Moments

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