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#familie#weihnachten#zeitnehmen

Herz. Rot. Leuchtend.

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Herz. Rot. Leuchtend. | story.one

Weihnachten naht. Heißt?

Geschenke, Geschenke, Geschenke! Wer hat noch keins, wer will noch eins? Groß, größer, noch viiiieeel größer! Teurer! Pompöser! Ein Glitzern da, ein Funkeln dort. Und wir brauchen mehr Kekse, JesusundMaria! MEHR KEKSE!! Überhaupt brauchen alle mehr zu (f)ressen. Ergo: Weihnachtsgans stopfen. Leben und leben lassen? Nääää, ist ja Weihnachten. Und Nächstenliebe geht nicht über den eigenen voll befüllten Tellerrand hinaus. Völlerei exklusiv! Heute im Sonderangebot! Und als X-mas Special gibt's noch Handy, Laptop, Tablet, iPod, Playstation und ein lebenslanges Abo von FB, Insta und TikTok, Netflix und Amazon gratis dazu. Damit man sich am Heiligabend nicht vom Lärm der anderen die Ohren voll sudern lassen muss. (Nur vom eigenen.)

Das Getöse, Gewirble und Geschwurble verblasst in der Ferne wie verwehter Schnee als ich die Tür hinter mir schließe, die Einkaufstaschen lieblos auf den Boden fallen lasse, Mütze und Mantel ablege. Es ist kalt. Die Kerze im Flur flackert, sie füllt die Wohnung mit dem Duft nach Apfel und Zimt. Ich lasse mich auf die Couch fallen. Aus dem Wohnzimmerradio ertönt "It's beginning to look a lot like Christmas" von Michael Bublé. Die Weihnachtsdeko am Fenster - es ist ein Stern - taucht das Zimmer in fahles, schwummriges Licht. Ich greife zur Keksdose, nehme mir ein Stück Lebkuchen. Selbstgemacht. Von Mama. Wenig Zucker, viel Liebe. Mandelsplitter obendrauf. Schokostreusel. Er schmeckt genauso wie er aussieht: herzhaft.

Wieviele Weihnachten noch wird dieser Lebkuchen in meiner Keksdose sein? Wie viele Male noch werde ich in den Genuss kommen, ihn mit einem wohligen Seufzen auf der Zunge zergehen zu lassen? Ich schreibe Mama eine SMS: "Der Lebkuchen ist sooo gut." Und sie antwortet: "Freut mich, wenn er schmeckt." Daneben ein Herz-Emoji. Rot. Leuchtend. Wie oft und wie viele Herz-Emojis wird mir Mama noch schicken können? Ach.

Weihnachten macht mich so sentimental. Sensibel. Schwach.

Ich denke an Oma. Daran, wie sie im Krankenbett liegt, die Augen weit aufgerissen, den Rücken wund gelegen, die Finger knochig und das Gesicht eingefallen. Ich denke an meinen Vater, der ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn haucht und: "Frohe Weihnachten, Mama", sagt. Omas Gesichtsausdruck ändert sich nicht, sie erkennt meinen Papa nicht. Schon seit einigen Jahren nicht mehr.

Ich spüre einen Kloß im Hals, spüle ihn mit einem großen Schluck Zimtlikör mitsamt der Erinnerung weg und greife nochmal zum Handy. "Mama, seid ihr Zuhause? Kann ich vorbeikommen?" Und sie schreibt: "Immer." Mit Herz-Emoji. Rot. Leuchtend.

Scheiß auf voll bepackte Einkaufstaschen. Scheiß auf teuer und pompös. Scheiß drauf, Scheiß zu verschenken.

Schenke Zeit. Schenke Liebe. Schenke Leben. Schenke Dich.

Ich stehe auf, steige über das materialistische Meer an Minderwertigkeiten im Flur hinweg und ziehe Mantel und Mütze wieder an.

Draußen ist es immer noch kalt, aber mir ist warm geworden.

Frohe Weihnachten.

© Sandra E. Mae 2021-12-08

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